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Pekka Ervast (1875-1934), der Gründer der theosophischen Bewegung in Finnland, beschreibt in diesem autobiographischen Buch seinen Weg, der ihn durch kompromisslose Suche nach dem wahren Sinn des Lebens zur geistigen Wiedergeburt führte. Er selbst fasst das Ergebnis seiner Suche wie folgt zusammen: "Durch die Theosophie kam ich zum Kosmischen Christus, der Kosmische Christus führte mich zu Jesus, durch die Befolgung Jesu kam ich zu Jesus Christus. Und das alles geschah im Zeichen der Theosophie." Er nannte seine Theosophie auch Christosophie, die Weisheit von Christus oder esoterisches Christentum, zu welchem auch das richtige Verständnis des Gesetzes von Reinkarnation und Karma gehört.



Deutsche Übersetzung:

Marja Haavisto



Bezugsquelle:

Toukola Gemeinschaft




Finnischer Originaltitel:

Ruusu-Ristin syntysanat Suomessa

Helsinki, 1929



Herausgeber:

IHMISYYDEN TUNNUSTAJAT

(BEKENNER DER MENSCHLICHKEIT)

35700 Vilppula, Finnland



100 Seiten
Preis: 15 €

ISBN 952-9834-23-3




Inhalt:


















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Vorwort

Das vorliegende Buch enthält eine Vortragsreihe, die Pekka Ervast im Jahr 1929 auf dem theosophischen Sommerkursus in Jyväskylä gehalten hat. In diesen Autobiografischen Aufzeichnungen beschreibt er seinen Weg, der ihn durch unnachgiebige und kompromißlose Suche nach der Wahrheit zur geistigen Wiedergeburt führte. Seine Botschaft über den gemeinsamen, göttlichen Ursprung aller Menschen, die Befreiung des Denkens aus den beengenden Fesseln der blinden Dogmen und das Ideal der Gewaltlosigkeit hat in der heutigen Welt nichts von ihrer Aktualität verloren.

Pekka Ervast wurde am 26.12.1875 in Helsinki geboren. Bei der Taufe erhielt er den Vornamen Petter Elias. Sein Vater war Assessor Petter Edvard Ervast und die Mutter Hilma Natalia, geborene Törnroos. Die Muttersprache der Familie war Schwedisch. Pekka war der älteste von insgesamt fünf Geschwistern, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichten. Die Mutter starb, als Pekka acht Jahre alt war.

Die Familie gehörte zur evangelisch-lutherischen Kirche. Am Heiligen Abend des Jahres 1893, als er zum Abschluß des Konfirmandenunterrichts - zum ersten und zum letzten Mal - im Dom von Helsinki die Eucharistie empfing, erschien ihm Jesus Christus. Als lebendiges Wesen sah Jesus ihn an, und obwohl er nichts sagte, strömten seine Gedanken auf ihn zu. Er verstand, daß es die Aufgabe des Menschen war, gut zu sein und nach der Vollkommenheit zu streben.

Pekka Ervast absolvierte die Abiturprüfung 1893 mit glänzender Beurteilung und studierte an der Universität von Helsinki romanische Sprachen und Literatur der Renaissance, später auch Deutsch und Englisch sowie Theorie der Poesie, Geschichte der Moralphilosophie, Psychologie, Indische Religionsgeschichte, Sanskrit und Philosophie.

Im Januar 1894 kam er zum ersten Mal in Berührung mit der Theosophie und las seine ersten theosophischen Bücher, u.a. die schwedischen Übersetzungen der Werke The Occult World und The Esoteric Buddhism von A. P. Sinnett und The Mystery of the Ages Contained in the Secret Doctrine of All Religions von Gräfin Marie von Caithness.

Im Herbst 1895 trat er in die Theosophische Gesellschaft ein. In demselben Jahr erfolgte die Spaltung der Gesellschaft. Die Anhänger von W. Q. Judge, dem Leiter der amerikanischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, bildeten eine eigene theosophische Gesellschaft, die sich von der Muttergesellschaft trennte. Bei dieser Krise geriet die theosophische Überzeugung des jungen Pekka Ervast ins Schwanken.

Kurz darauf kam er mit den Lehren von Leo Tolstoj in Berührung und fand den tieferen Sinn der Bergpredigt Jesu. Er verstand, daß die Gebote der Bergpredigt keine frommen Sprüche, sondern Anweisungen waren, nach denen ein Wahrheitssucher sein Leben richten sollte. Er beschloß, diesen Weg für sein weiteres Leben einzuschlagen. U.a. wollte er sein Leben so einfach wie möglich gestalten und wurde Vegetarier. Dies schloß konsequenterweise das Prinzip der Nichttötung von Menschen, d.h. den entschiedenen Pazifismus ein.

Als Folge seiner unnachgiebigen Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens erlebte er am 13.10.1896 die geistige Wiedergeburt, bei der er fühlte, als sei das alte Leben wie weggewischt. Er verstand, daß der Mensch Gottes Sohn ist, daß der Vater Gott existiert und hinter allem Leben steht.

Dank seiner vielseitigen Begabung - er war musikalisch sehr begabt und beherrschte mehrere Sprachen - hätte man von ihm eine glänzende Universitätslaufbahn erwartet. Er verließ jedoch die Universität, nachdem er festgestellt hatte, daß dort nicht ernsthaft nach dem wahren Sinn des Lebens gesucht wurde. Nach einem Gespräch mit dem finnischen Schriftsteller Arvid Järnefelt, der geistesverwandt mit Leo Tolstoj war, beschloß er, irgendeine körperliche Arbeit aufzunehmen. Er ging in die Schreinerlehre, um später Schreiner zu werden. Diese Phase dauerte jedoch nicht lange, weil er bald zu der Überzeugung kam, daß das Schreiben seine eigentliche Aufgabe war.

Alle seine Fragen waren jedoch noch nicht beantwortet. Er suchte weitere Antworten und fing an, die Geheimlehre von H. P. Blavatsky zu studieren. Zu seiner Lieblingslektüre gehörte auch Die Weiße und Schwarze Magie von Franz Hartmann, und er verbrachte, nach seinen eigenen Worten, "viele herrliche Stunden" bei der Lektüre der von Hartmann herausgegebenen Zeitschriften Lotusblüthen. Ferner las er Werke von Platon, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Johannes Tauler, Agrippa von Nettesheim, Paracelsus, Giordano Bruno, Jacob Böhme und Emanuel Swedenborg.

Seine eigentliche Arbeit für die Theosophie begann er im Jahr 1897. Er schrieb seine ersten Zeitungsartikel, hielt theosophische Vorträge und veröffentlichte sein erstes Buch. Er arbeitete anfangs mehr in schwedischer als in finnischer Sprache und machte mehrere Reisen nach Schweden. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fing er an, zunehmend in finnischer Sprache zu schreiben und Vorträge zu halten, da er zu der Überzeugung gekommen war, daß seine Arbeit für die gesamte finnische Bevölkerung bestimmt war.

Im Jahr 1907 wurde in Helsinki die finnische Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet. Pekka Ervast wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt.

1911 gründete die Leitung der Theosophischen Gesellschaft den "Orden des Sterns des Ostens", der den Inder Krishnamurti als die Inkarnation Jesu und den werdenden Weltlehrer zu propagieren anfing. Daraufhin begann Ervast, Zweifel gegen die Leitung der Theosophischen Gesellschaft zu hegen. Die Ansichten von Frau Besant bezüglich Krishnamurti wurden von dem Leiter der damaligen Deutschen Theosophischen Gesellschaft, Dr. Rudolf Steiner, ebenso für unmöglich gehalten.

Im April 1912 machte Dr. Steiner eine Reise nach Finnland und beteiligte sich an der Jahresversammlung der finnischen Theosophischen Gesellschaft. Einer der Teilnehmer dieser Jahresversammlung war Johan Richard Hannula, der sowohl Ervast als auch Dr. Steiner als große Seher erkannte. Später wurde J. R. Hannula ein treuer theosophischer Mitarbeiter und enger Freund von Ervast, der nach dessen Tode über die geistige Stellung des Pekka Ervast mehrere Bücher verfaßte.

Beim Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde seitens der Leitung der internationalen Theosophischen Gesellschaft erklärt, daß die Weiße Bruderschaft der Meister sich im Krieg an die Seite der Alliierten und gegen die Mittelmächte stellte. Pekka Ervast wurde der Vorwurf gemacht, daß er in der von ihm herausgegebenen theosophischen Zeitschrift Tietäjä den Standpunkt der führenden Personen der Theosophischen Gesellschaft seinen Lesern nicht bekannt gab. Ervast war der Meinung, daß es Gotteslästerung sei, Gott, Christus oder die Weiße Bruderschaft mit den Bluttaten der Kriegsheere in irgendeiner Weise in Verbindung zu bringen.

Die Meinungsverschiedenheiten führten schließlich dazu, daß Ervast mit seinen Anhängern die Theosophische Gesellschaft verließ und am 14.11.1920 eine neue Gesellschaft unter dem Namen Ruusu-Risti gründete. Der Name ist die finnische Entsprechung des Wortes Rosenkreuz und enthält den Hinweis auf die seit dem 17. Jahrhundert bekannte mystische Bruderschaft der Rosenkreuzer. Die Rosenkreuz-Gesellschaft von Pekka Ervast hatte jedoch die Aufgabe, den ursprünglichen Geist der Theosophie H. P. Blavatskys zu vertreten. Zugleich orientierte sie sich am esoterischen Christentum und den ethischen Grundsätzen der Bergpredigt Jesu. Ervast begründet den Namen wie folgt: "Der Name Rosenkreuz beinhaltet den Hinweis auf die religiöse Aufgabe der neuen Gesellschaft: Sie erforscht alle Religionen und Mythologien, erreicht bei ihren Forschungen die Mysterien Jesu Christi und ist bestrebt, in ihrem Geiste zu leben. Sie belebt also auch den wesentlichen Geist des Christenglaubens und hilft den westlichen Kirchen, die sinnbildliche, mystische und geheimwissenschaftliche Bedeutung ihrer Lehrsätze zu verstehen. Als lebendiger Strom des Geistes reinigt und erneuert sie das innere und äußere Leben der Gläubigen." Später nannte Ervast seine Theosophie auch Christosophie.

Im Jahr 1921 verfaßte er ein englischsprachiges Rundschreiben mit dem Titel Die Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft, das an ca. 900 Adressen, vorwiegend an die Logen der Theosophischen Gesellschaft, rund um die Welt geschickt wurde. Es enthielt seinen Vorschlag über die Gründung eines Allgemeinen Verbandes oder einer Vereinigung der theosophischen und gleichgesinnten Gesellschaften mit einem internationalen Büro und einer Zeitschrift sowie regelmäßig wiederkehrenden Weltkonferenzen. Dieses Vorhaben wurde jedoch nicht verwirklicht.

Im Herbst 1933 reiste Ervast nach den USA und verbrachte den Winter in der kleinen Stadt Ojai in Kalifornien, um sich auszuruhen und seinen autobiografischen Roman Suuri seikkailu (Das große Abenteuer) zu schreiben.

Anfang Mai 1934 kehrte er zurück nach Finnland. Sein Gesundheitszustand hatte sich unterwegs verschlechtert. Am 22.5. unterschrieb er den Vertrag über die Vergabe der Rechte an seinem in Kalifornien geschriebenen Roman. Am selben Abend starb er zu Hause an einem Krankheitsanfall.

Zum Lebenswerk von Pekka Ervast gehören ca. 100 Bücher, darunter auch Werke, die anhand der stenographierten Notizen von seinen mündlichen Vorträgen zusammengefaßt wurden. Er hielt während seiner theosophischen Tätigkeit mehr als 1300 öffentliche Vorträge und übersetzte mehrere Bücher ins Finnische, z.B. Tao-te-king und Dhammapada (aus dem Englischen).

Seine Botschaft erreichte in Finnland - anders als in vielen anderen Ländern - alle Gesellschaftsklassen, einschließlich der Arbeiterklasse, und viele bekannte Künstler: Komponisten, Schauspieler, Dichter und Maler, bekannten sich zu seinen Freunden und fanden ihre Inspiration in der theosophischen Gedankenwelt. Seine Bücher gehörten in der Hauptbibliothek von Helsinki zeitweise zur am meisten geliehenen Lektüre.

Bei seiner Suche nach der Wahrheit war er zu der Überzeugung gekommen, daß die Wahrheit nicht nur in einem bestimmten Religionssystem zu finden ist. Der Mensch kann seinen Weg unter den ursprünglichen Lehren der Weisen aller Zeiten wählen, die schließlich alle zum gleichen Ziel - zum Finden des "Christus in uns" - führen. Sein Weg war die Bergpredigt Jesu, deren Kern die vollkommene Gewaltlosigkeit und Liebe zu allen Menschen bildet, was selbstverständlich die Kriegsführung und die Vorbereitung zum Krieg für einen Wahrheitssucher unmöglich macht.

Zu den Visionen von Pekka Ervast gehörte auch die Bildung von Wohngemeinschaften, in denen ernsthaft nach der Wahrheit suchende Menschen ihre geistige Entwicklung beschleunigen und gemeinsam für das Ziel der Theosophie arbeiten könnten. Die Herausgeberin des vorliegenden Buches, die von Martta Horjander 1978 gegründete Vereinigung der Ihmisyyden tunnustajat (die Bekenner der Menschlichkeit), ist bestrebt, durch ihre auf der Grundlage der Lehren von Pekka Ervast beruhenden Wohngemeinschaften auch dieses Ideal zu verwirklichen. Außerdem wird die Arbeit von Pekka Ervast in Finnland durch die Vereinigungen Ruusu-Risti (das Rosenkreuz) und Kristosofia (die Christosophie) weitergeführt.

Die Botschaft des Pekka Ervast ist jedoch nicht nur für Finnland, sondern für alle nach der Wahrheit suchenden Menschen bestimmt. Er selbst übersetzte zwei seiner Bücher ins Englische; einige sind später übersetzt worden. Sein Buch über die tiefere Bedeutung der Kalevala, des finnischen Nationalepos, wurde vor kurzem ins Englische übersetzt und in den USA veröffentlicht (s. Literaturhinweis).

Der Übersetzung des vorliegenden Buches wurde der Nachdruck der 1929 veröffentlichten Originalausgabe mit dem Titel Ruusu-Ristin syntysanat Suomessa (Die Geburtsworte des Rosenkreuzes in Finnland) zugrunde gelegt. Eine später veröffentlichte Ausgabe wurde Tieni totuuden lähteelle (Mein Weg zur Quelle der Wahrheit) genannt. Die Bibelzitate entstammen der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift - Die Bibel, 3. Auflage, Stuttgart, 1985. Ich danke ganz herzlich Frau Nele Michalke-Orth und Herrn Hans-Joachim Münster, die mir bei der Korrektur der Übersetzung wertvolle Hilfe geleistet haben.

Marja Haavisto

Den 7. Juni 2003

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THEOSOPHIE

Ich habe mir vorgenommen, in einigen kurzen Vorträgen die Frage: wie ist die Lebensanschauung des Rosenkreuzes?1) zu beantworten.

Das Rosenkreuz ist eine Vereinigung der Wahrheitssucher. Bei der Frage nach der Lebensanschauung des Rosenkreuzes handelt es sich deshalb um die Wahrheit, nach der das Rosenkreuz gesucht und die es möglicherweise gefunden hat.

Da wiederum die Frage, was die vom Rosenkreuz gefundene Wahrheit ist, auf zweierlei Weise beantwortet werden kann, d.h. entweder unpersönlich, theoretisch, indem die Wahrheit oder die Lebensanschauung des Rosenkreuzes so gut wie möglich dargestellt wird, oder aber persönlich, indem das Suchen und Finden eines Wahrheitssuchers geschildert wird, so werde ich, wenn Sie es gestatten, die Letztere, die persönliche Art vorziehen, die meiner Meinung nach die vom Rosenkreuz gesuchte und gefundene Wahrheit oder Lebensanschauung vertraulicher und lebendiger wiedergibt. Wenn wir nur über solche Ereignisse erzählen, die der Wahrheitssucher selbst erlebt hat, wenn wir nur über seine eigenen Funde berichten, werden wir es zumindest vermeiden, den Bericht mit Theorie zu überladen. Daß der betreffende Wahrheitssucher zufällig derjenige ist, der gerade jetzt vor Ihnen steht, ist ganz natürlich, weil der Redner selbst über seine eigenen Erfahrungen und seinen eigenen Werdegang als Suchender am besten, am ausführlichsten und am zuverlässigsten berichten kann.

Zuerst möchte ich Ihnen von einem Vorfall aus meiner Kindheit erzählen. Ich war damals ein kleiner Junge, neun oder zehn Jahre alt. Ich vermute, daß sich ähnliches auch im Leben vieler anderen ereignet hat. Dieser Vorfall, an sich bedeutungslos, hat jedoch bei mir einen, ich möchte nicht sagen guten, aber zumindest einen so schwerwiegenden und bleibenden Eindruck hinterlassen, daß ich mich später oft daran erinnert und darüber nachgedacht habe.

Ich war, wie gesagt, ungefähr zehn Jahre alt. An einem Sonntag kam ein Spielkamerad, der vier Jahre älter war als ich, also in einem Alter, in dem religiöses Empfinden bereits ein wenig zu erwachen beginnt, zu mir und sagte: "Komm doch mit mir auf eine Versammlung der Freikirche." Ich war etwas erstaunt, antwortete aber ohne Widerrede: "Ja, warum nicht." Und kurz darauf waren wir auf einer Versammlung im Allianz-Haus in Helsinki. Es gab dort viele Leute und vielleicht auch mehrere Redner, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber zum Schluß trat ein Herr auf, der zweifellos sehr schön und eindrucksvoll redete; ich war allerdings noch zu klein, um mir den Inhalt seiner Worte zu merken. Von dem ganzen Ereignis blieb mir nur die folgende Szene in Erinnerung: Als der Redner seine Predigt beendet hatte, gab es im Programm eine Wende. Die Menschen kamen auf die Bühne, einer nach dem anderen, und fingen an zu beten oder etwas zu bekennen. Dann ging der Redner im Saal herum. Es war ein magerer, größerer Herr mit ziemlich freundlichen Augen. Zum Schluß kam er auch zu uns. Er sah mich lange an und sagte: "Will auch dieser kleine Junge zu Jesus kommen?"

Ich war innerlich ganz erschüttert, ob es Angst war oder etwas anderes, weiß ich nicht, aber als ich diesen Mann anschaute, so machte er auf mich, das Kind, einen unsagbar sonderbaren Eindruck. Er erweckte bei mir den Eindruck, als wäre diese ganze Religion, diese ganze Andacht, dieses ganze Beten äußerst widerlich, abstoßend und abgeschmackt. Ich fühlte mich unwohl, und seine Worte: "Will du komma till Jesus?" machten einen - wie soll ich sagen - so ekelhaften Eindruck, daß ich, nachdem ich ihn kurz angesehen hatte, sagte: "Nein." - "Nein?" sagte er scheinbar überrascht: "Willst du nicht zu Jesus kommen?" - "Nein", antwortete ich. Jetzt hatte ich Angst und fühlte mit der ganzen Kraft meiner Seele, daß ich so nicht beten konnte, daß ich nichts bekennen konnte, daß ich niemals in einer solchen Weise zu Jesus kommen wollte. Der gute Prediger ging natürlich traurig und enttäuscht weg. Ich sagte zu meinem Freund: "Komm, wir gehen nach Hause", und der Freund ging sofort mit mir hinaus.

Der Vorfall dauerte nicht länger, aber immer, wenn ich mich daran erinnerte, dachte ich, daß es furchtbar wäre, "so einer" zu werden. Was denn wohl "so einer" war, das vermochte ich mir allerdings kaum zu erklären.

Meine Mutter, die gestorben war, hatte mir schon von Kind an beigebracht, daß göttliches Leben überall in der Natur herrschte und Gott in allem war, was schön und recht war. "Siehst du, wie schön alles ist", sagte sie mir, als ich mit ihr in Wald und Flur spazieren ging. "Gott hat diese wunderschönen Blumen erschaffen. Und schau dir den Wald und den Himmel an!" Meine Mutter hatte mich zu einer Art Pantheisten erzogen, und sie hatte mir eingeprägt, daß ich immer höflich und gut sein sollte - niemals grausam, böse oder ungehorsam. Das gefällt Gott, sagte sie, alles andere gefällt ihm nicht. Durch Märchen und Beispiele beschrieb sie Höflichkeit und Güte, und ich verstand ihre Lehren so frisch, wie ein Kind nun mal diese Dinge versteht. Als wir dann nach dem Tode meiner Mutter eine Kinderfrau hatten, die in ihrer religiösen Andacht unbedingt darauf bestand, daß wir Kinder uns sonntags die Vorlesung einer furchtbaren Postille anhören mußten, lehnte ich mich innerlich dagegen auf und dachte, daß es nicht möglich sei, daß Gott so grausam und böse sein könnte. Was hat das wohl für einen Sinn, daß wir Kinder kerzengerade da sitzen und uns eine Predigt anhören, von der wir überhaupt nichts verstehen? Das ist ja genau wie der Gottesdienst im Allianz-Haus, und ich wunderte mich, daß gläubige Menschen so grausam sein konnten.

Natürlich konnte ich selbst niemals in religiösem Sinne empfindsam werden. Ich fühlte mich niemals angezogen von religiöser Andacht, die in langem Beten, einer düsteren Erscheinung und dem Verzicht auf Spielen, Lachen und Frohsinn zum Ausdruck kommt. Dennoch stellte ich die religiösen Lehren und Dogmen nicht in Frage, sondern dachte in meiner Schulzeit, daß das, was die Lehrer uns sagten, natürlich stimmte. Die Erzählungen über die Erschaffung der Welt, den Sündenfall der Menschheit und die Erlösung durch Jesus Christus gingen bei mir gleichsam zum einen Ohr herein und zum anderen wieder hinaus und wirkten auf mich keineswegs erschütternd. Ich "glaubte" wohl an sie, weil sie als Tatsachen dargeboten wurden, aber ich dachte wenig über solche Dinge nach.

Erst später in meiner Jugend, nachdem ich angefangen hatte, selbständig zu denken, wurde mir zu meiner großen Verwunderung klar, daß die Religion, die Welterklärung, die uns von Kind an in der Schule gelehrt worden war, mit Recht in Frage gestellt werden konnte. In meiner früheren Schulzeit hatte ich, als die älteren Leute mich fragten, was ich wohl in meinem Leben "werden" wollte, unbekümmert geantwortet: "Ich möchte Schriftsteller werden." Doch nun, als Jüngling, konnte ich nicht mehr so frisch und fröhlich antworten, denn ich dachte: Wozu eigentlich Schriftsteller werden, Märchen und Erzählungen schreiben und vielleicht sogar Gedichte? Wozu eigentlich? Wird mein Leben dann einen Sinn gehabt haben? Könnte das Leben nicht eine höhere Bestimmung haben, die ich als Mensch versuchen sollte zu erfüllen?

Ich wandte mich zu der religiösen Weltanschauung, die mir beigebracht worden war, und jene Weltanschauung sagte zu mir: "Du lebst, um nach dem Tode entweder ins ewige Leben oder zur ewigen Verdammnis zu kommen. Um des ewigen Lebens teilhaftig zu werden, mußt du an die Gnade Gottes in Christus, dem Erlöser, glauben."

Mein Verstand setzte sich sofort zur Wehr. Wie, rief er, ist es möglich, daß ich, ein Menschenwesen, erschaffen sein könnte, um vielleicht zur ewigen Verdammnis zu kommen? Ist es möglich, daß ich erschaffen worden wäre, um nach dem Tode zur ewigen Qual verurteilt zu werden? Kann so etwas möglich sein? Wenn es so wäre, dann wäre doch Gott, der ja der Urgrund meiner Existenz ist, ein Teufel! Er wäre ja grausamer als wir Menschen! Ich würde niemals ein Wesen zum ewigen Leiden erschaffen. So gesehen ist Gott ein Monster, und an einen solchen Gott werde ich niemals glauben! Bei diesen Gedanken fiel mir der pantheistische Gottesbegriff meiner Mutter ein; dieser war jedoch in der Schule als heidnisch und unchristlich verurteilt worden. Einen solchen guten Gott gab es angeblich nicht. Es gab nur Jahve, den Bösewicht. Oder anders ausgedrückt: Alles hing nur vom Glauben ab! Und ich fühlte, daß ich an den grausamen Gott der Rache und der "Strafe" nicht glaubte und nicht glauben wollte. Deshalb schob ich Gott zur Seite. Ich dachte nicht an ihn. Ich glaube nicht an ihn.

Ich geriet für eine Weile in den Strudel des Materialismus und dachte: in Wahrheit gibt es keinen Gott. Ich las materialistische Bücher und fühlte mich wie befreit. Ich war froh, daß es kein "Höheres Wesen" gab, das die Menschen quälen konnte. Ich war frei und selbständig. Ich würde dieses Leben leben - und dann sterben und mich in Nichts auflösen. Wie ein Baum im Wald umfällt, so wird auch der Mensch sterben, und nichts bleibt von ihm übrig. Oh, wie befreiend und großartig! Man brauchte an gar nichts zu glauben.

Ich ging auf den Straßen von Helsinki spazieren und flüsterte zu mir selber: Ich bin frei. Wenn bloß auch ihr alle anderen wüßtet, wie frei ich bin. Der Mensch braucht keine Angst, keinen Glauben zu haben. Er lebt sein Leben glücklich hier auf Erden und stirbt dann weg. Es gibt keinen Sinn, der einen düster stimmen könnte.

Die materialistische Anwandlung dauerte aber nicht lange. Meine Gedanken, einmal in Gang gesetzt, beschäftigten sich ständig weiter. Es ertönte eine merkwürdige Stimme in meinem Inneren, die immer wieder sagte: Aber das Leben muß ja einen Sinn haben. Der Materialismus vermag die Dinge nicht zu erklären. "Irgendwelche Atome sind zufällig zusammengeprallt" - was ist das? Und selbst wenn aus einem solchen Zusammenprall eine gut organisierte materielle Welt entstanden sein sollte - was heißt das schon? Der Materialismus mag in diesem Punkt recht haben, aber der Materialismus wird niemals erklären können, wie aus den kreisenden und tanzenden Atomen ein Bewußtsein entstanden sein sollte. Wo kommt das Bewußtsein her? Das Bewußtsein ist ja kein Stoff. Das Bewußtsein ist das Gegenteil von Stoff. Das Bewußtsein, das bin ja ich, der ich leide und mich freue, der ich frage und erwarte, daß meine Fragen beantwortet werden. Was ist dieses Bewußtsein? Kein materialistisches Buch vermag das zu erklären. Was ist das Bewußtsein, das Gut und Böse abwiegt und dem Guten mehr Wert beimißt als dem Bösen und das die eine Tat als böse, die andere als gut bewertet? Was ist die sittliche Forderung und Gewißheit im Herzen des Menschen, die zu ihm sagt: Du sollst nichts Böses tun. Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht töten. Was ist diese merkwürdige Stimme im Menschen, die sagt: Du sollst ein guter Mensch sein? Das kann durch keinen Wirbeltanz der Atome erklärt werden. In einer gesetzmäßigen Welt sollte alles selbstverständlich sein. Wäre das Bewußtsein aus dem Stoff entstanden, dann würde das Bewußtsein von der Stofflichkeit bestimmt, von ihr beherrscht sein. Dann würde das Bewußtsein instinktiv den materiellen Gesetzen gehorchen, dann wäre das Bewußtsein nicht imstande, nach Gut und Böse zu fragen. Es könnte nichts abwägen. Es wäre nur der bewußte Aspekt in jenem Wirbelspiel der Atome. Nun erkennt sich aber das Bewußtsein selbst als etwas ganz anderes als Stoff. Es fühlt sich dem Stoff überlegen und vom Stoff unabhängig; es fühlt sich imstande, Stoff zu beurteilen und stoffliche Erscheinungen zu erforschen und abzuwägen, sogar mit der Waage der Moral. Der Stoff muß als Diener des Bewußtseins angesehen werden, und die stoffliche Existenz muß für das Bewußtsein irgendeine Bedeutung haben.

Das alles spiegelte sich klar in meinem Bewußtsein. Das Leben mußte doch einen Sinn haben. Wenn nun die Kirche auf meine Frage die Antwort gab: der Sinn des Lebens besteht darin, daß du glaubst, um nach dem Tode selig zu werden - dann stellte ich sofort die Gegenfrage: was soll ich denn in diesem Leben tun? Falls der Glaube ein und alles ist, warum hängt dann das Leben in dieser Welt von Taten ab? Durch den Glauben allein kommt man in dieser Welt nicht aus. Jeder Mensch muß ja etwas tun - wenigstens so viel arbeiten, daß er "überlebt". Die Pfarrer, denen ich die Frage stellte: was soll ich tun und wozu bin ich da, wunderten sich über meine Frage und konnten mir keine Antwort geben. Sie hatten keine Antwort, weil sie meine Frage absurd fanden. Sie hatten immer nur dahingelebt, ohne sich unnütze Gedanken zu machen. Sie hatten "kindhaft geglaubt". Sie hatten ihr Leben nach keinem übernatürlichen Programm gestaltet und hatten nur weltliche Interessen gehabt; sie verstanden kein anderes moralisches Ziel als das Wunder, durch welches der Gläubige am Tag des jüngsten Gerichts aus Gnade Gottes mit himmlischen Flügeln versehen wird.

So gesehen verlor in meinen Augen das lebendige Leben seine Bedeutung; das Leben wurde zur Schwärmerei nach dem Jenseits, was meiner Ansicht nach nichts anderes als unverschämte Gotteslästerung war. Das gesamte große Universum war ja gesetzmäßig aufgebaut und außerordentlich gut organisiert. Warum wäre also das menschliche Leben allein ohne Bedeutung?

Kurz darauf begegnete ich der Theosophie. Das geschah Anfang der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die theosophische Weltanschauung eröffnete mir so weitreichende und großartige Perspektiven, daß in mir die Vernunft jubelte und meine Gedanken wie Vögel in die Luft aufflogen. Jetzt konnte ich die Schönheit des Lebens betrachten, jetzt konnte ich nachdenken und überlegen, jetzt konnte ich große, wunderbare Lebensfragen mit einem Helfer ergründen, der mir beibrachte, wie man Fragen stellt und der zugleich meine Fragen beantwortete.

Diese theosophische Weltanschauung öffnete mir die Augen, so daß ich nicht nur meine eigene christliche Religion mit anderen Augen sah, sondern auch wahrnehmen konnte, daß es in der Welt viele Religionen und Weltanschauungen gab und schon immer gegeben hatte. Wir hatten zwar in der Schule alte Religionen und heidnische und halb christliche Religionen der Gegenwart behandelt, aber immer in einem hochmütigen und selbstgefälligen, "christlichen" Sinn, die Unwissenheit der Heiden und ihr Getrenntsein vom "wahren Gott" bedauernd. Ich hatte deshalb, gleich meinen Kameraden, all die unnützen und langweiligen Berichte über andere Religionen, Weltanschauungen und Sekten ignoriert und dachte, daß das religiöse Leben, wie man es uns lehrte - insbesondere vor Christus - äußerst nichtssagend, oberflächlich und geistlos gewesen war. Nun öffnete mir die Theosophie die Augen, und ich sah, daß die Weltreligionen, die seit so langer Zeit existierten, wie unsere historischen Berichte zurückreichen, alle groß und wunderbar gewesen waren, weil sie alle genau die gleichen Fragen erörtert und erklärt hatten, die auch zum Inhalt unseres christlichen Glaubens gehörten. Alle Religionen hatten die Unterscheidung zwischen Gut und Böse gemacht, und, was erstaunlich war, sie alle hatten auch vom Leben nach dem Tode und der für alle Menschen notwendigen Errettung gesprochen, die einem bereitgestellt wurde, wenn er u.a. gottesfürchtig war, ein sittliches Leben führte und an religiösen Zeremonien teilnahm.

Es wunderte mich nicht, daß die Gelehrten, wenn sie mit anderen Religionen der Welt in Berührung kamen, zuerst gedacht hatten: All diese religiösen Welterklärungen sind nichts anderes als Kindermärchen, der christliche Glaube wie auch alle anderen! Sie sind aufrichtige Erklärungsversuche primitiver und unwissender Menschen für verschiedene Lebensphänomene. Das wunderte mich nicht, aber es wurde mir zugleich klar, daß wir, wie es die Theosophie lehrte, vor allem den Aspekt betonen sollten, daß alle Religionen vom menschlichen Leben in gleicher Weise sprachen, gleich ermutigend, gleich ermahnend, gleich aufklärend. Es wurde in keiner Religion gelehrt, daß der Mensch das Böse lieben oder der Sünde verfallen und selbstsüchtig leben sollte. Keineswegs! Im Gegenteil. Alle Religionen ermahnten die Menschen zur Rechtschaffenheit. Der Mensch sollte nichts Böses tun. Er sollte nicht stehlen, er sollte nicht lügen und keine Sexualverbrechen begehen. Er sollte so gut und tugendhaft wie möglich sein. Alle Religionen besagten: Nur wenn ein Mensch ein vorbildliches Leben führt, bereitet er sich ein glückliches Leben nach dem Tode vor.

Dieser in der Heidenwelt übliche Glaube kam mir sofort viel vernünftiger vor als der von der christlichen Kirche, und erst, als ich genauer über den Christenglauben nachdachte und die Bibel etwas eingehender studierte, fand ich heraus, daß der christliche Glaube eigentlich das gleiche Ziel verfolgte: Auch die Kirche leugnete den Wert des sittlichen Lebens praktisch nicht, obwohl die theologischen Haarspaltereien die "eigenen" Anstrengungen des Menschen verabscheuten. Die Bibel dagegen lehrte ganz eindeutig, daß der Mensch, um selig zu werden, "die Gebote halten" sollte, ja sogar, wie Jesus sagte, "vollkommen sein sollte, wie der Vater im Himmel vollkommen ist". Oh, dachte ich, in dieser Hinsicht haben also alle Religionen das gleiche gelehrt.

Als ich dann mit Hilfe der Theosophie weiter studierte, fand ich heraus, daß das in der Natur herrschende Entwicklungsgesetz, das von der Wissenschaft unserer Zeit erst durch die Forschungsarbeit u.a. Darwins entdeckt worden war, bei den großen heidnischen Religionen Indiens bereits bekannt gewesen war. Bei der materialistischen Weltanschauung des vergangenen Jahrhunderts wurde ständig von der menschlichen Entwicklung gesprochen. Nur die christliche Kirchenlehre stellte sich dagegen oder schwieg sich aus. Sie hatte ja früher Menschen, die versucht hatten, freiere Gedanken vorzubringen, auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder erhängt. Aber insbesondere beim Buddhismus und dem alten Hinduismus wurde ausdrücklich betont, daß der Mensch die Fähigkeit besaß, sich zu entwickeln. Er war kein vollendetes Wesen, nicht verurteilt, immer so zu bleiben, wie er von Natur aus bei seiner Geburt war, sondern besaß, als ein entwicklungsfähiges Wesen, die Fähigkeit, sich zu bessern und zu lernen, wirklich nach den sittlichen Geboten der Religionen zu leben - die ja sonst aus der Luft gegriffen gewesen wären.

Die großen Religionen erklärten auch, wie diese Entwicklung des Menschen vor sich ging. Es wurde ausdrücklich erklärt, daß der Mensch ein in einen Körper gekleidetes Seelenwesen war, das beim Sterben seinen Körper verließ, um eine Zeitlang in der unsichtbaren Geistwelt zu weilen, danach aber in diese sichtbare Welt wiedergeboren wurde, um sich in einen neuen Körper zu kleiden. Der Mensch war ein sogenanntes reinkarnierendes Wesen. Sein ewiges Schicksal wurde also nicht in einem einzigen Leben durch den Tod entschieden, sondern er ging, als reinkarnierendes Wesen, gleichsam in die Schule des Lebens und konnte hierher zurückkehren, um an dem Punkt fortzufahren, wo er stehengeblieben war, um wieder vorwärts zu streben. Als ich über die Geschichte der Menschheit nachdachte, war ich gleicher Meinung mit den Gelehrten, die sagten: "Sehen Sie doch, wie hoch entwickelt die Menschheit ist. Vergleichen Sie die hoch zivilisierten Kulturen mit primitiven Völkern. Nehmen Sie dann noch große Genies, Philosophen, Könige, Kriegshelden, Dichter und Künstler und vergleichen Sie diese mit primitiven Menschen. Ist die Entwicklung nicht auffallend? Ist der Unterschied nicht so groß, daß wir anerkennen müssen: Die Natur hat viel Arbeit geleistet, ehe sie einen Spinoza, einen Napoleon, einen Shakespeare, einen Beethoven hervorgebracht hat." In diesem Punkt teilte ich ebenfalls die Meinung der materialistischen Wissenschaftler, aber ich fügte noch hinzu: Das Problem der Entwicklung wird logisch und gerecht gelöst, wenn man, gleich Buddha, die Reinkarnation berücksichtigt, wenn man bedenkt, daß der Mensch hier in die Schule geht, in jedem aufeinanderfolgenden Leben Fortschritte macht und sich weiter entwickelt.

Die Reinkarnationslehre eröffnete mir wirklich wunderbare Perspektiven, und Hand in Hand damit ging eine andere Lehre, nämlich die Karmalehre, die besagte: Alles ist in gerechter Weise geregelt. Es geschieht niemals ein Unrecht. Der Mensch erntet, was er gesät hat. Wenn der Mensch sich in einem Leben anstrengt und arbeitet, gehen seine Anstrengungen nicht verloren, sondern tragen Früchte in einem zukünftigen Leben. Auch seine Leiden sind nichts anderes als Karma, d.h. Folgen der früher begangenen Sünden und Verfehlungen. Was für ein befreiender Gedanke! Was für ein großartiger Gedanke! Jetzt fühlte ich mich auf eine neue Weise gerettet. Ich dachte: Es ist alles gerecht und gut geregelt. Man braucht keine unnützen Tränen mehr wegen der Leiden anderer Menschen oder seiner eigenen zu vergießen. Keine Schmerzen sind hoffnungslos, denn alles Leid ist eigentlich nur verkleideter Segen, unsere Möglichkeit, alte Schulden zu tilgen.

Das von Buddha gelehrte Karma brachte Licht aus dem Osten in die Finsternis unserer westlichen Länder.

Als mir das klar wurde, wunderte ich mich und stellte die Frage: Wie ist es möglich, daß diese Lehre von Wiedergeburt und Karma nicht im Christentum enthalten ist? Falls das Christentum mit den anderen Religionen gleichwertig ist, warum hat dann das Christentum allein, falls es, wie die Theosophie behauptet, als Schwesterzweig aus demselben Stamm wie alle anderen Religionen herausgewachsen ist, nicht von Reinkarnation gesprochen?

Oder vielleicht doch? Ich las in theosophischen Büchern, daß die Reinkarnationslehre am Anfang auch zum Christentum gehört hatte. Im Neuen Testament wies Jesus mit seinen Worten und Gleichnissen klar und deutlich auf die Reinkarnation hin. Er fragte z.B. seine Jünger: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?? Und die Jünger antworteten: "Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten." Die Juden vermuteten also, daß Jesus der wiedergeborene Elija oder ein anderer Prophet sei. Jesus aber sagte, daß er keiner der Propheten sei. "Elija ist schon gekommen", sagte er, und später erfuhren die Jünger, daß Elija als Johannes der Täufer erschienen war. An dieser Bibelstelle ging es also eindeutig um die Reinkarnation. Durch meine theosophischen Studien fand ich auch heraus, daß in der frühchristlichen Zeit bei den sogenannten Gnostikern die Reinkarnation zur allgemeinen Lehre gehörte. Und ich hatte auch sonst eine völlig verkehrte Vorstellung von der frühchristlichen Zeit. Durch den Schulunterricht war ich zu der Auffassung gekommen, daß die christliche - anfangs katholische - Kirche schön ordentlich am ersten Pfingsttag entstanden war und daß wir ihre Abstammung bis zu jener Zeit direkt zurückverfolgen konnten. Ich wußte nicht, daß es jemals eine andere anerkannte Kirche als die heutige gegeben hätte. Jetzt dagegen zeigten die exakten historischen Nachforschungen, daß in der frühchristlichen Zeit über die Lehre und das Leben die größten Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten herrschten. Es gab zahlreiche Gemeinden oder kleine Kirchen rund um die damals bekannte Welt. Sie alle hatten ihren eigenen christlichen Glauben, und die Unterschiede in den Lehren der verschiedenen Kirchengemeinschaften mochten sogar sehr groß sein, wobei die einen die anderen verurteilten und versicherten, daß sie allein die Vertreter des wahren Christentums wären. Erst zum Schluß errang die Römische Gemeinde die Vorherrschaft.

Das alles wunderte mich noch mehr, als ich darüber nachdachte, daß christliche Kleriker und Bischöfe, die sich dann und wann auf ihren Konzilien versammelten, auf jenen Konzilien festlegten, was man glauben mußte und was man nicht glauben durfte, daß sie also nach und nach das Lehrsatzsystem zusammenstellten, das heute für den christlichen Glauben gehalten wird. Die christliche Weltanschauung war die Arbeit unwissender und fanatischer Kirchenmänner. Es war kein Wunder, daß sie auf einem Konzil (553 in Konstantinopel) die Reinkarnationslehre als ketzerisch verurteilten. Kleriker und Bischöfe, die zu Macht und Autorität gelangt waren, legten fest, daß es keine Reinkarnation gibt und daß man daran nicht glauben darf.

Brauchte ich ein besseres Zeugnis dafür, daß Reinkarnation ursprünglich auch in den christlichen Kreisen, nicht nur bei den Gnostikern, gelehrt worden war? Bei den Urgemeinden hatte sie zu den esoterischen Lehren gehört. Man sprach davon nicht öffentlich, weil eigentlich die ganze Welt an eine Art Reinkarnation glaubte. Die gesamte griechische und indische Welt glaubte daran. Unter den Juden gab es viele, die daran glaubten. Weil jedoch die Reinkarnationslehre im allgemeinen nur stückweise und falsch verstanden wurde, wurde sie von den Christen, die durch ihren Meister eine richtige, so zu sagen Tradition von der Tatsache der Reinkarnation erhalten hatten, auf ihre eigene, sachkundige Weise gelehrt. Sie lehrten sie nicht öffentlich, einfach deshalb, weil die Menschen sich im allgemeinen nicht an das philosophische Denken gewöhnt hatten. Um nämlich die Reinkarnationslehre richtig zu verstehen, bedarf es grundsätzlich einer philosophischen Vorbildung. In der frühchristlichen Zeit unterzogen sich Katechumenen, d.h. Glaubenskandidaten, einer intellektuellen und moralischen Ausbildung. Wer das zweifältige Ego des Menschen nicht kannte, der konnte das Mysterium der Reinkarnation nicht verstehen.

Die Reinkarnations- und Karmalehre, die alle Religionen, einschließlich des Christenglaubens, gelehrt hatten, kam mir allmählich nicht nur vernünftig, sondern auch glaubwürdig vor, und bald fing ich an zu denken: Das Leben muß tatsächlich in diesem Licht gesehen werden!

Ich blieb aber nicht dabei stehen. Diese Lehre befriedigte mich noch nicht ganz. Das lebendige Problem der Gegenwart wurde auch dadurch noch nicht gelöst. Oder eigentlich doch, aber auf die gleiche, passive Art und Weise wie bei dem früheren Glauben: Das Leben muß einfach nur gelebt werden; es ist eine Schule für sich, obwohl die Entwicklung langsam vor sich geht.

Ja, die Entwicklung geht tatsächlich langsam vor sich. Sehr langsam schreiten die Menschen vorwärts auf dem Weg zu der Vollkommenheit, die in den Lehren aller Religionen dargestellt wird. Ist also jene Vollkommenheit nur geschildert worden, um uns zu trösten? Weshalb wird aber dann aufgefordert, danach zu trachten? Was steht eigentlich dahinter? Bin ich dazu verurteilt, zusammen mit anderen Menschen nur in aller Ruhe weiterzuleben? Oder ist es möglich, sich schneller zu entwickeln? Die Menschheit macht Jahrtausend um Jahrtausend nur langsam Fortschritte. Vielleicht ist aber nicht jeder Einzelne dazu verurteilt, mit der langsamen Entwicklung der großen Masse Schritt zu halten? Dies war für mich eine wichtige Frage, und auch die wurde von der Theosophie beantwortet.

Madame Blavatsky beantwortete diese Frage in folgender Weise: Der Mensch als Individuum kann sich schneller entwickeln. Er braucht nicht mit der großen Masse zu schreiten - als Individuum kann er sich sogar sehr schnell entwickeln. Und ich stellte sofort die Frage: Mit welcher Begründung? Welche Voraussetzungen hat er dazu? Und Madame Blavatsky, die Gründerin der theosophischen Bewegung, die Verkünderin der theosophischen Botschaft, antwortete: Hinter der Menschheit steht ein größeres Universalbewußtsein, das mit verschiedenen Namen bezeichnet wird, wie z.B. Gott, Weltseele, Alaya, Logos, Gottessohn oder Christus. Der Kosmische Christus steht hinter der Menschheit. Er ist das geistige Bewußtsein im Universalgeist aller einzelnen Menschen.

Dieses Geistbewußtsein, dieser Christus ist es, der hinter allen Religionen steht, er ist es, der den gemeinsamen Stamm aller Religionen bildet. Nicht zufällig lehren alle Religionen das gleiche. Es ist nicht so, daß Gott die Wahrheit zu verschiedenen Zeiten gleichsam auf verschiede Art und Weise gelehrt hätte, denn es gibt, so sagte Madame Blavatsky, nur eine einzige Wahrheit. Es gibt nur eine einzige Religion: die Weisheitsreligion. Die gleiche Wahrheit, die gleiche Religion existiert bereits seit undenklichen Zeiten. Das gleiche göttliche Christusbewußtsein steht seit jeher hinter der Menschheit und strebt ständig danach, der Menschheit näher zu kommen. Deshalb haben alle Religionen in ihrem innersten Kern immer das gleiche gelehrt. Dieses Geistbewußtsein, das seit jeher das innerste Gewissen der Menschheit war und ist, dieser Mystische Christus ist der Erlöser der Menschheit. Er ist der Erlöser jedes einzelnen Menschen, denn die Entwicklung und die Erlangung der Vollkommenheit besteht für jeden Menschen in seiner Vereinigung mit dem großen Bewußtsein, das als Gott im inneren Himmel eines jeden von uns wohnt. Dann wird er am ewigen, unendlichen Universalleben teilhaben, und dann wird ihn das göttliche Universalbewußtsein von einer Stufe auf die nächste emporheben, ihn rein machen, zur Entfaltung bringen und vergeistigen. Der Mensch erhebt sich also nicht nur durch seine eigenen, persönlichen Kräfte, sondern das Christusbewußtsein, welches vollkommen ist und ihn also innerlich "von aller Sünde reinigt", wird ihn zur Entfaltung und Vergeistigung brigen. Es geht nur darum, daß der Mensch sich mit diesem Christusbewußtsein vereinigen sollte, in welchem er eigentlich, auch ohne es zu wissen, wie Paulus sagt, "lebt, sich bewegt und ist". Wenn der Mensch sich dessen bewußt wird, wird er den Erlöser in seinem eigenen Geist empfangen. Es ist, als ob Gott in ihm geboren würde. Aus ihm wird Gottes Sohn, und jetzt fällt es ihm gar nicht schwer, das Gute in seinem Herzen wachsen zu lassen, sich von der Selbstsucht und allem Bösen zu befreien. Er ist wirklich ein "erlöstes" Wesen. Er ist aus den Händen des Bösen herausgerissen und kann sich jetzt dem Guten widmen und von Jahr zu Jahr in der Erkenntnis der Wahrheit, Schönheit und Güte wachsen.

Das lehrte die Theosophie, und ich hatte das Gefühl, daß dadurch das Lebensrätsel großartig gelöst war. Jetzt hatte das Leben einen Sinn: Wir sollten uns entwickeln, um vollkommen zu werden und unser eigenes Gottesbild zu verwirklichen. Dieses Ziel war nicht so weit entfernt, daß es sich nicht gelohnt hätte, danach zu trachten, sondern es kam, als ein Ideal, gewissermaßen sehr nahe an uns heran, ermutigend und ermahnend: Möchtest du nicht, daß dein Leben voller Inhalt wäre, möchtest du nicht vorwärts schreiten, möchtest du nicht rein und vergeistigt werden, um anderen helfen zu können?

So wirkte die Botschaft auf mich, und als ich an diesem Punkt angelangt war und verstanden hatte, daß der Sinn des Lebens darin bestand, mit all seinen Kräften vorwärts zu schreiten, um dem Ideal der Vollkommenheit näher zu kommen, stellte sich für mich eine neue Frage.

Das Ideal steht so hoch oben und so weit entfernt, daß mir die Erlangung der Vollkommenheit, falls ich allerlei Fehltritte machen muß, bevor ich den direkten Weg dorthin finde, beinahe hoffnungslos erscheint. Gibt es also keinen bekannten, bereits betretenen Weg zu diesem Ideal? Gibt es keine Anweisungen, nach denen ich mich richten könnte, um mich der Vollkommenheit zu nähern?

Ich hatte Christus in der großen, kosmischen Bedeutung gefunden. Ich hatte verstanden, daß der kosmische Christus als mystischer Erlöser den einzelnen Menschen innewohnt. Ich hatte verstanden, daß wir uns, gleich dem Apostel, des Christus in uns bewußt werden können und uns so mit dem kosmischen, großen Christusbewußtsein vereinigen können. Sollte man aber alles diesem inneren Christus überlassen, bestand mein Vorwärtskommen darin, daß ich ständig auf die innere Inspiration des Gewissens angewiesen sein sollte, sollte ich nur glauben, daß Christus in mir bei jeder Einzelheit sagt, wie ich zu verfahren habe, oder hatte man uns zuverlässige Anweisungen mit auf den Weg gegeben? Hatte man uns einen Maßstab der Wahrheit in die Hand gegeben, um die eigenen Inspirationen abzuwägen?

Das war die Frage, die sich für mich stellte und die ich morgen behandeln möchte.

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II DAS ROSENKREUZ

Es eröffneten sich mir als Wahrheitssucher großartige Perspektiven, als ich auch nur einigermaßen das Geheimnis des Kosmischen Christus, des Logos, des Gottessohnes, verstand. Der Kosmische Christus stand als geistiges Universalbewußtsein im Hintergrund des gesamten spirituellen Lebens der Menschheit, der Kosmische Christus war die Inspirations- und Informationsquelle aller großen spirituellen Vereinigungen, Religionen und Weltanschauungen. Die Menschheit war kein Waisenkind, nicht allein gelassen bei ihrer Wanderung durch die Wüste der Entwicklung; die Menschheit hatte einen wunderbaren Helfer, der ihrem eigenen Bewußtsein innewohnte, im tiefsten und höchsten Himmel ihres menschlichen Bewußtseins.

Als sich diese Perspektiven vor mir eröffneten, glaubte ich zugleich zu verstehen, was die Religionen erstrebt hatten, als sie von Gott, ja sogar oft von einem persönlichen Gott sprachen. Als ich mich aber fragte, ob dieser Kosmische Christus, dieses der Menschheit innewohnende universale Ichbewußtsein mit dem persönlichen Gott identisch war, erhielt ich die Antwort: Nein, es war kein persönlicher Gott, zumindest nicht in der althergebrachten, gewöhnlichen Bedeutung, kein Schöpfer, der die Welt von oben herab schaute, kein Regent, der im großen Spiel des Lebens die von ihm selbst erschaffenen Menschenwesen nach seinem Gutdünken wie Spielfiguren behandelte, kein über den Wolken sitzender Vater, der gleich einem weltlichen Vater die von ihm selbst erschaffenen Menschen umsorgte - sondern eine allumfassende, alles durchdringende, die ganze Welt beseelende Vernunft und Liebe. Die Vorstellung der Gläubigen von einem souverän herrschenden persönlichen "Herrn", einem zornigen und launenhaften Jahve, war mir früher zuwider gewesen; nun aber fanden mein Denken und meine Vernunft Befriedigung bei dem neuen Begriff von der das gesamte Weltall beseelenden unendlichen Liebe und Vernunft, die zu beschreiben ich als Mensch viel zu gering war, von der ich unmöglich sagen konnte, ob sie persönlich oder unpersönlich war. Ich wußte, empfand und verstand nur, daß die göttliche Liebe in keiner alten, gewöhnlichen Bedeutung persönlich war. Aber wie denn?

Es war zu beachten, daß diese große, allumfassende Liebe und Vernunft imstande war, der Menschheit zu helfen. Sie hatte ja durch die Religionen gesprochen. Es gab ja im Weltall unzählige Sonnensysteme, selbstverständlich mit Planeten, auf denen Millionen von Lebewesen wohnten, die alle in ihrem Lebenskampf auf spirituelle Hilfe angewiesen waren. Wie war unter diesen Umständen zu verstehen, daß die göttliche Liebe, falls sie eine unpersönliche Lebenskraft war, dennoch leidenden und denkenden Wesen helfen konnte, die hier und da, über unendliche Weltenräume zerstreut, lebten? Dann begegnete ich der von Madame Blavatsky verkündeten Lehre vom geoffenbarten Logos. Sie erschien mir lebendig und verständlich: Wenn das unendliche, universale, nichtgeoffenbarte Bewußtsein sich offenbarte, teilte es sich in unzählige Bewußtseinseinheiten oder Monaden, von denen die einen in der unendlich vorwärts schreitenden Entwicklung die Atome, die anderen die höchsten Götter belebten. Das Weltall war also voll von lebendigen, mit Bewußtsein versehenen Lebewesen, und persönliche Helfer waren immer bereit zu helfen. Lebendig und einfach beschrieb Madame Blavatsky die Art und Weise, wie der Menschheit unserer Erde durch die göttliche Welt geholfen worden war: Von einem anderen Planeten unseres Sonnensystems waren Weise hierher gezogen, Menschen, die das Ziel der Vollkommenheit, von dem gestern die Rede war, bereits erreicht hatten. Als eine kleine Gruppe siedelten sie sich hier an und gaben unserer Menschheit die erste Weisheitsreligion. Sie gründeten auf diesem Planeten eine Schule, die seither die spirituelle Entwicklung der Menschheit überwacht. Die Entstehung aller Religionen auf unserem Planeten ist auf die Initiative dieser Schule zurückzuführen; von Zeit zu Zeit ist nämlich einer der Weisen hinausgetreten, um der Welt die Wahrheit zu verkünden. Durch diese Schule haben auch viele Seelen aus unserer Menschheit einen hohen spirituellen Entwicklungsgrad und den Stand Christi erreicht.

In der theosophischen Botschaft wurden diese Weisen Meister, ältere Brüder, Adepten, Eingeweihte genannt. Sie - sowohl diejenigen, die unter unserer Menschheit den Meisterstand erreicht hatten, als auch die von außerhalb stammenden Helfer - bildeten die sogenannte Geheime Bruderschaft, die Heilige Gemeinde der Weisen, die in der Mitte der Menschheit gleichsam wie ein weißer Tempel stand, um die Entwicklung der Rassen und Individuen zu überwachen.

Zu dieser Heiligen Bruderschaft gehörten all die großen Menschen, die auf Erden als Religionsgründer erschienen waren, wie z.B. Buddha, Zarathustra, Moses, Laotse, Konfuzius, Krischna, Orpheus, Väinämöinen und viele andere, an deren Namen ich mich im Moment nicht erinnern kann. Zu jener Bruderschaft gehörte auch unser Jesus. Sie alle waren unsterbliche Wesen, denn ihre Weisheit und ihr Wissen bedeutete in der Praxis u.a., daß sie Herr über Leben und Tod waren und nicht mehr zum jenseitigen Leben hinübergingen, um als neue Persönlichkeiten wiedergeboren zu werden, sondern ihr eigenes Selbst, ihr hohes, geläutertes Individuum und ihre Persönlichkeit bewahrten und entweder im unsichtbaren Umkreis unseres Planeten oder auf der physischen Ebene unserer Erde lebten, mit der Menschheit vereint, aber gleichsam hinter den Kulissen, im Hintergrund unseres irdischen Daseins. Sie waren, verglichen mit uns, wie Engel oder Götter, in Wirklichkeit waren sie aber unsere älteren Brüder und Helfer, die uns die Hand reichten und nur darauf warteten, daß wir uns an sie anschließen möchten.

Ich verstand auch, daß der Sinn des Lebens, nach dem ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend gesucht hatte, darin bestand, daß wir den Weg gingen, der zu der Geheimen Bruderschaft führte und Schritt für Schritt auf dem Pfad wandelten, auf dem jene großen Menschen vor uns gewandelt waren und daß wir zur gleichen Erkenntnis der Wahrheit und zur gleichen, von Liebe erfüllten Ruhe kämen, in der sie lebten. Das alles erschien mir selbstverständlich. Diese Lebensanschauung erschien mir so natürlich und vernünftig, daß ich, wie ich gestern schon sagte, nur noch fragen konnte: Wie könnte auch ich zu ihnen kommen? Wie könnte ich den geheimen Pfad oder den schmalen Weg betreten, von dem alle Religionen sprechen? Sollte ich selber wissen, wie es vor sich geht, sollte ich selber herausfinden, wie man den schmalen Weg betreten muß, sollte ich nur auf meine innere Inspiration angewiesen sein, oder gab es Hilfe und Anweisungen, nach denen wir uns richten könnten?

Meine Frage wurde durch die theosophische Botschaft von Madame Blavatsky beantwortet: Die Hilfe, die uns die älteren Brüdern bieten, besteht darin, daß sie das uns unbekannte Land, das wir durchwandern müssen, abgesteckt haben. Sie haben uns gleichsam den Weg vorgezeichnet und gesagt: Wir haben den Weg durchwandert, wir können euch sagen, wie auch ihr wandern sollt - folgt uns nach. Es geht nicht darum, daß man uns keine Anweisungen gegeben hätte.

Es geht nicht darum, daß der Weg nicht bereits betreten wäre. Es geht darum, wessen Anweisungen jeder Einzelne zu folgen beginnt. Jeder muß selber entscheiden, wem er folgen möchte, ob Buddha, Zarathustra, Mohammed, Laotse oder wem auch immer. Der Mensch kann ja auch nur der Stimme seines eigenen Gewissens folgen, aber dann soll er genau hinhören, um zu vernehmen, was ihm das innerste und höchste Gewissen zuflüstert. Das Wandern ohne Führung, nur seinem inneren Instinkt folgend, ist ein mühsamer, schwerer und einsamer Weg, aber es steht jedem frei, auch diesen Weg einzuschlagen. Falls aber der Mensch als Wahrheitssucher von einem Erfahrenen geholfen werden möchte, dann soll er sich an einen der Meister wenden, der den Weg vor ihm durchwandert hat.

Ich dachte: Vielleicht sollte ich Buddha folgen. Ich hatte Buddhas Lehre studiert; ich hatte Berichte über den Buddhismus und die Buddhisten gelesen, und ihre liebevolle, bescheidene und weise Religion und das einfache, anspruchslose Leben der Bettelmönche gefiel mir; beim Nahen des Todes zogen sie sich am liebsten zurück, um mit ihrem Sterben niemanden zu belästigen. Mir gefiel die klare Lehre Buddhas. Mit einfachen Worten hatte er erklärt, wie man ihm folgen sollte.

Andererseits sagte mir mein Verstand, daß, wenn Jesus der Nazaräer, der Meister der Christenheit, den selben Weg durchwandert hat, dann gehört ja auch er als einer der Brüder zu dieser heiligen, geheimen Bruderschaft. Dann hat ja auch er bestimmte Anweisungen geben müssen. Aber ich kannte seine Anweisungen nicht. Ich wußte höchstens, daß alle Kirchen mit Jesu darin übereinstimmten, daß der Mensch Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben sollte. Daß Jesus Christus Liebe gelehrt hatte, war also gleichsam eine christliche Selbstverständlichkeit; er hatte uns gelehrt, daß wir, wenn wir ihm folgen wollen, lieben müssen. Meiner Meinung nach hatten aber auch die anderen das gleiche gelehrt. Auch Buddha hatte von großem Mitgefühl und von Brüderlichkeit gesprochen, die der Mensch nicht nur anderen Menschen gegenüber, sondern zu allen Lebewesen empfinden sollte. Es gibt wohl keine andere Kultur, bei der Tiere so liebevoll umsorgt werden, wie in der buddhistischen Welt. Sie haben Krankenhäuser für Tiere errichtet, alles Lebende wird in Ehren gehalten, und kein Lebewesen wird dort getötet, weder um es zu essen, noch um es zu vernichten oder zu irgendeinem anderen Zweck. Ich hatte den Eindruck, daß Buddha die gleiche Liebe lehrte, wie unsere christliche Kirche.

Als ich mich aber unter den Christen umsah und unser Leben in diesen unseren christlichen Gesellschaften betrachtete, wo immer wieder Kriege ausbrachen und täglich viel gesündigt wurde, dachte ich: Hat denn Jesus keine genaueren Anweisungen gegeben, wie wir lieben sollten, hat er eigentlich nur allgemein "liebt euch" gesagt und es dann der Welt und jedem Einzelnen überlassen, auf welche Weise er lieben sollte. Dann wäre dieses um uns herrschende Durcheinander und dieses Chaos nur eine natürliche Folge davon. Die Armen lebten in bitterer Not, und die Reichen schwelgten in der Wollust der Welt, und ich wunderte mich, daß alle sich Christen nannten und anerkannten, daß Liebe der Inhalt des christlichen Glaubens war. War Jesus also ganz und gar unpraktisch? War seine Lehre durch und durch unzureichend und mangelhaft, weil er den Menschen nicht genauer erklärt hatte, wie sie lieben sollten?

Zum Schluß erschien es mir jedoch natürlich, daß ich, der ich in der christlichen Welt lebte und auch mich selbst einen Christen nannte, Jesus zu meinem Führer und Lehrer wählte, aber ich war sehr unentschieden und stellte mich gleichsam auf einen abwartenden Standpunkt, da ich nicht wußte, was Jesus gelehrt hatte.

Mitten in diesem Zweifel fand ich unerwartet die erste, sozusagen praktische Lösung, als ich in meiner Seelennot eines Tages die Bibel aufs Geratewohl aufschlug. Wie ich bereits gestern erzählte, wurde ich, wie alle jungen Menschen, oft und ohne jeden Grund, gefragt, was ich wohl "werden" wollte und was für Pläne ich für mein Auskommen im Leben hätte. Diese Frage, die mich als Kind nicht eingeschüchtert hatte, verletzte mich jetzt zutiefst, denn ich dachte: Ich lebe ja nicht als Mensch, um in dieser Welt "auszukommen", d.h. um nur weiter zu existieren. Als Mensch lebe ich ja nicht, um zu arbeiten, essen, trinken, schlafen und wieder aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, damit ich essen, trinken, schlafen und später heiraten und meine Familie fortpflanzen könnte, falls ich das alles blindlings tun sollte, ohne den Sinn und Zweck zu kennen. Als Mensch konnte ich so nicht leben. Wenn es so wäre, dann wäre es natürlicher zu sterben und eine Welt, in der es nichts Vernünftiges zu tun gab, zu verlassen. Mir war gar nicht wohl zumute bei dem Gedanken, daß ich essen, schlafen und heiraten sollte, und selbst wenn es mancherlei künstlerische Arbeitsbereiche gab, zu denen ich mich sogar sehr hingezogen fühlte, so mußte ich trotzdem denken: Auch sie sind alle ohne Zweck und Inhalt, wenn sie keinen weiteren Sinn haben. Wenn auch die Aufgabe der Kunst nur darin besteht, die Menschen zu erheitern, sie für einen Augenblick vergessen zu lassen, daß sie existieren und daß sie Menschen sind, so ist auch die Kunst zwecklos. Es ist alles zwecklos. Sie wissen vielleicht aus eigener Erfahrung, daß solche Stimmungen bei jungen Menschen sehr ernst zu nehmen sind; sie sind so ernst, daß ein junger Mensch sich wirklich überwinden muß, um weiterzuleben und sich nicht umzubringen. Ich beging nur deshalb keinen Selbstmord, weil ich insgeheim die Hoffnung hatte und glaubte, daß das Leben doch einen Sinn haben mußte, den ich irgendwann herausfinden würde.

In einem solchen äußerst düsteren und schweren Seelenzustand schlug ich einmal das Neue Testament auf und las darin eine Stelle, die mir zufällig ins Auge fiel. Und siehe da, ich las etwas, was ich bisher nicht gelesen hatte, oder, wenn ich es gelesen hatte, oder, wenn es mir etwa in der Schule gezeigt worden war, so hatte ich nicht darauf geachtet. Jetzt las ich die Worte: "Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit sollen wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen."

Ich konnte und brauchte nicht weiterzulesen. Irgendwelche Quellen taten sich in mir auf, meine Augen füllten sich mit Tränen und ich weinte. Da sprach ja ein Mensch, der das Leben verstand und wußte, wie ich als Mensch dachte und wie eigentlich der Mensch unbedingt denken muß. Der Mensch konnte ja nicht anders denken. Also war Jesus Christus ein Mensch, der mich verstand. Er war ein Freund. Er war ein Bruder.

Und gewiß verstand er auch mehr. Gewiß wußte er vom Leben viel mehr. Gewiß konnte er auch sagen, wie das Reich Gottes, also die Erkenntnis der Wahrheit, das wahre, ewige Leben zu finden sei. Gewiß wußte er auch das. Er hätte zu mir keine so tröstenden Worte gesprochen, wenn er nicht mehr gewußt hätte. Gewiß hätte auch er sich das Leben genommen, wenn er zu der Überzeugung gekommen wäre, daß es keinen Sinn hat, nach Gott zu suchen. Er brachte sich also nicht um. Er lebte. Drei Jahre lehrte er das Volk. Er wanderte herum, die Menschen folgten ihm nach, und er gewann die Herzen einiger - die seiner Lehrjünger - ganz für sich. Natürlich wußte er etwas. Natürlich lehrte und führte er sie. Natürlich konnte er sie in jene Welt der Wahrheit und der Erkenntnis führen, von der er sprach.

Dieser Satz im Evangelium wurde mir zur Offenbarung.

Ich empfand: Theosophie, die mir den Kosmischen Christus nahe gebracht hatte, die Theosophie führte mich jetzt zu Jesus. Zu keinem kirchlichen Jesus, zu keinem übernatürlichen Heiland, der in einem großen Schauspiel die Hauptrolle spielend gestorben wäre und auf eine unbegreifliche Weise die Menschheit vor dem Zorn Gottes gerettet hätte - zu keinem solchen Jesus, sondern zu einem lebenden Menschen, der mehr wußte als ich, der wußte, was das Leben war und der mir den Weg des Lebens weisen konnte. Zu dem Jesus hatte mich die Theosophie geführt.

So fühlte und dachte ich, und ich begann, so gut ich es vermochte, das Leben, die Worte und die Lehren Jesu Christi zu studieren. Was die Kirchen und Sekten erklärt und gelehrt hatten, war für mich unwichtig. Ich legte alle Dogmen beiseite. Ich wollte den Menschen sehen, der lebendig aus dem Evangelium heraustrat und imstande war, anderen Menschen zu helfen.

Bei diesem Studium war mir Leo Tolstoj, der große russische Prophet, von großer Hilfe. Auch ich wurde in meinem Gewissen von der merkwürdigen Tatsache überzeugt, daß die Christen von Jesus Christus nichts wußten. Sie hatten sich von Christus ein Bild gemacht und beteten ihre eigenen Phantasievorstellungen von Christus an. Sie kannten den Menschen, von dem die Evangelien sprachen, überhaupt nicht, den Menschen, der nicht nur unaussprechlich viel liebte, sondern auch ein unendlich weises, göttergleiches Wesen war und sagen konnte, wie die Menschen leben sollten. Von diesem Wesen wußte die Christenheit im Allgemeinen überhaupt nichts. Natürlich sah ich ein, daß es hier und da, heute und zu allen Zeiten, Christen gab und immer gegeben hatte, die Jesus kannten und wußten, wer er als Mensch und Helfer, als göttlicher Lehrer und Wissender, als Erretter und Heiland war. Natürlich gab es solche Menschen, aber sie hielten sich im Verborgenen. Unsere christliche Kirche, die katholische wie die protestantische, hatte im Laufe ihrer Geschichte immer solche Christen, die mehr gewußt hatten, Menschen, die Jesus Christus gekannt hatten und ihm gefolgt waren, verfolgt. Solche Menschen hatten die Kirchen systematisch auf dem Scheiterhaufen verbrannt, erhängt oder aus der Kirche verbannt, verfolgt und unterdrückt.

Was erfuhr ich nun von Jesus? Wie verstand ich nun seine Lehre? Er hatte gelehrt, daß ich und wir alle Menschen sind, nichts anderes als Menschen, die wir jeden Tag daran denken sollten, daß wir in Bezug auf unseren Körper Kinder der Mutter Erde sind; wir müssen zwar jeden Tag essen, uns kleiden und irgendwo wohnen, aber nur, um spirituell leben zu können. Kleider, Nahrung und Wohnungen sollten für den Menschen zu keinem Selbstzweck werden. Sie sind nur Werkzeuge - so wie der menschliche Körper nur ein Werkzeug ist - damit der Mensch spirituell leben könnte. Und was war das spirituelle Leben? Es war ein Leben in Liebe, wie es immer hieß, aber ein Leben erfüllt von einer solchen Liebe, mit der Jesus seine Jünger geliebt hatte: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr einander lieben."

Als ich dann fragte, was zu dieser Liebe gehörte - ich selbst war ja klein und unwissend - so antwortete Jesus im Evangelium: Deine Liebe und deine Bereitschaft, mir nachzufolgen, bezeugst du, indem du dich nach meinen Geboten richtest. Und wie lauteten die Gebote Jesu? Auch sie waren klar und deutlich im Neuen Testament zu lesen. Sie standen in den drei Evangelien hier und da zerstreut, aber im Matthäus Evangelium, in der sogenannten Bergpredigt, standen sie alle zusammengefaßt.

Es waren insgesamt fünf Gebote:

Das erste Gebot Christi lautete: Du sollst nie zürnen. Du sollst nie zornig werden, weder in deinem äußeren Benehmen noch in deinem Herzen. Du sollst nie zürnen. Ich fühlte mich überglücklich vor Freude und Dankbarkeit, als Jesus Christus, dieser wunderbare Mensch, mit diesem Gebot gleichsam seine Hand segnend auf mich legte. Ich hatte mich nämlich vor ca. fünf Jahren, im Alter von 14 Jahren, entschlossen, niemals böse zu werden. Als Kind war ich sehr jähzornig. Ich vertrug keine Ungerechtigkeit und Grausamkeit. Wenn ich auch nur die geringste Ungerechtigkeit sah, fing ich an, vor Zorn zu zittern und zu schimpfen. Nach einer solchen Szene - ich war damals 14 Jahre alt - sagte eine innere Stimme zu mir: "Warum wirst du böse? Du brauchst nicht böse zu werden." Ich fühlte, als ob mir eine schwere Last vom Herzen gefallen wäre. Mir wurde ganz warm ums Herz und ich rief erstaunt: "Oh, brauche ich wirklich nicht mehr böse zu werden? Es ist ja wunderbar. Das sei also beschlossen." Wir alle wissen, daß für ein Kind sein Entschluß heilig ist. Es bricht seinen Entschluß nicht. So erging es auch mir. Seit dem Augenblick, als ich mir selbst versprochen hatte, nie mehr böse zu werden, fühlte ich keinen Zorn mehr in meinem Herzen. Ich fühlte nur Mitleid. Ich war immer bei guter Laune und auch immer ruhig beim Sprechen. Als nun das erste Gebot Jesu den Glauben und die Erfahrung meiner Kindheit segnend bestätigte, wurde ich so froh, daß ich es nicht in Worte fassen kann.

Das zweite Gebot Jesu lautete: Du sollst nie unrein sein, selbst in Gedanken nicht. Wortwörtlich hieß es: "Wer eine Frau nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen." Das Gebot hätte ich vielleicht nicht verstanden. Ein junger Mensch versteht ein solches Gebot nicht, denn er hat noch keine Gelegenheit gehabt, in dieser Hinsicht zu sündigen, geschweige denn die Ehe zu brechen, weil er ja nicht einmal verheiratet war. Die Erklärung von Leo Tolstoj half mir sehr, denn er leitete aus diesem Gebot ein klares und unbedingtes Reinheitsgebot ab, ähnlich wie Arvid Järnefelt bei uns in Finnland - ein Reinheitsgebot, das für einen jungen Menschen durchaus nicht unpraktisch war, sondern außerordentlich klar und praktisch. Ein junger Mensch kann sogar begeistert sein von dem Gebot: sei niemals unrein. Er versteht es. Er kann die vollkommene Reinheit zu seinem Ideal machen, nach welchem er sich immer richten möchte, denn von Unreinheit versteht er nur wenig. Wenn er dann später in seinem Leben versteht, was geschlechtliche Unreinheit und Sündhaftigkeit überhaupt ist, dann wird er verstehen, daß auch die Ehe rein ist, wenn sie nicht vom Menschen befleckt wird. Auch Jesus sagte, daß nur wenige zum Leben ohne Ehe berufen sind, um sich "des Himmelreiches willen" voll dem Ideal der Reinheit zu widmen; den meisten Menschen war es jedoch vom Schicksal beschieden, daß sie heiraten sollten. Ohne Fortpflanzung würde die sichtbare Menschheit aussterben. Die Fortpflanzung ist ebenso heilig und rein, wie für einen Unverheirateten die Befolgung des Reinheitsideals. Die Bedeutung der Ehe liegt darin, daß zwei Menschen sich treu bleiben und sich gegenseitig mehr lieben als andere Menschen; als Pfand ihrer Liebe werden neue Menschen geboren. Das war in der Natur wunderbar geregelt, auch in spiritueller Hinsicht; wenn nämlich die Menschen nicht in der Schule der Liebe Unterricht erhalten würden, wenn in ihnen nicht zuerst die Familien- und Blutsbande die Tugenden der Liebe, der Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit erwecken würden, wie sonst würden sie das Lieben lernen? Wie würden wir das höchste Gebot der Liebe lernen, die Liebe, die Jesus und alle Weisen gelehrt haben, die Liebe, die alle Lebewesen umschließt, wenn wir nicht zuerst einige wenige lieben lernen. Wie könnten wir sie lernen, ohne in der Schule der Liebe Unterricht zu erhalten? Aber die Schule der weltlichen Liebe und Freundschaft war heilig. Auch darin wurde das Ideal der Reinheit der Seele immer im Auge behalten: Wer einen anderen Menschen liebte, der blieb seinem Freund treu. Das alles war nach meiner Meinung einfach und klar geregelt. Das zweite Gebot Jesu, wie auch das erste, war mitten aus dem alltäglichen Leben genommen. Es war gegeben worden, um uns zu führen und zu zeigen, wo wir uns irren könnten und in welche Richtung wir gehen sollten, um auf dem rechten Weg zu bleiben.

Das dritte Gebot hieß: Wir sollen niemals schwören, sondern immer die Wahrheit sagen und ehrlich sein, gleichgültig, ob es sich um Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit handelt. Als ehrliche Menschen lügen wir nicht, wenn wir über Vergangenheit oder Gegenwart sprechen - schon gar nicht, wenn wir Jesus oder einem anderen Weisen folgen wollen. Das ist ja natürlich. Jesus aber sagt zu uns: So selbstverständlich und natürlich wie es für euch ist, beim Sprechen über die Vergangenheit und die Gegenwart immer die Wahrheit zu sagen, ebenso wichtig ist es, daß ihr in Bezug auf die Zukunft vollkommen ehrlich seid und daß ihr nicht hoch und heilig etwas versprecht, von dem ihr nicht wissen könnt, wozu es euch führen wird. Ich fand, daß Leo Tolstoj es mit folgendem Beispiel sehr aufschlußreich erklärte: Da steht ein Soldat, der dem Kaiser einen Treueid schwört und verspricht, alle Befehle des Kaisers und die seiner Vorgesetzten auszuführen. Der Soldat weiß vom christlichen Glauben, daß das Töten verboten ist, weil es so in den zehn Geboten geschrieben steht. Weil er aber den Treueid geschworen hat, kann er nicht mehr zurücktreten. Wenn der Kriegsherr ruft und ihm befiehlt, gegen den Feind zu stürmen und ihn zu töten, dann muß der Soldat gehorchen, weil er den Eid geleistet hat. Auf Grund seines Eides muß er gehorchen. Wie kann ein Mensch so verfahren? Wie kann er seinen freien Willen in die Hände eines anderen geben, so daß dieser ihm befehlen kann, etwas zu tun, was nicht richtig ist? Dies ist bei uns immer noch ein ungelöstes gesellschaftliches Problem. Wir schwören Eide, die uns zwingen können, Böses zu tun. Das hat Tolstoj eindeutig bewiesen, und auch die Worte Jesu waren klar und deutlich. Es geht nur darum, ob wir Christus folgen wollen oder nicht. Als junger Mensch glaubte ich, dieses Gebot ganz klar zu verstehen. So war es. Man mußte vorsichtig sein beim Sprechen, nichts unüberlegt versprechen, niemals etwas schwören. Man mußte auf seine Zunge achten, denn Jesus sagte an einer anderen Stelle: Über jedes unnütze Wort werden die Menschen eines Tages Rechenschaft ablegen müssen. Wir haben die Redegabe erhalten, um die Wahrheit zu verkünden, die göttliche Weltordnung zu lobpreisen, um über die Schönheit des Lebens zu singen. Wir haben die Redegabe für eine künstlerische, wissenschaftliche und ethische Bestimmung erhalten. Wir können andere Menschen trösten, wir können sie aufklären und führen. Wie wunderbar ist doch unsere Zunge und unser Sprechvermögen! Wie oft jedoch mißbrauchen wir es. Auch das dritte Gebot dringt mitten in unser tägliches Leben ein, mitten in unseren Alltag, zu unseren Festen und Plaudereien bei Kaffee, bei denen die Redegabe leichtsinnig benutzt wird.

Das vierte Gebot Jesu lautete: Du sollst das Böse nicht mit Bösem vergelten. Leiste dem, der böse und gewalttätig ist, keinen Widerstand, sondern, wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin, wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm; wenn dich einer um dein Hemd bittet, dann laß ihm auch den Mantel. So erklärte Jesus das vierte Gebot. Dieses vierte Gebot war wirklich geheimnisvoll. Ich fühlte bereits in meiner Jugend, daß das etwas Neues war, daß eine Bedeutung dahinter steckte, weil so etwas noch nirgendwo zu sehen war. Du sollst das Böse nicht mit Bösem vergelten. Unsere ganze Gesellschaft ist auf der Grundlage der Vergeltung aufgebaut. Wir nehmen die Verbrecher fest, sperren sie ein und schützen uns vor ihnen. Ist es nun möglich, daß wir das Böse doch nicht mit Bösem vergelten sollten? Ich dachte lange über diese Frage nach, und zum Schluß wurde mir die Sache klar, und es sprach eine leise Stimme in mir: Das Böse nimmt kein Ende, wenn nicht ich - wenn nicht jeder Mensch - aufhört, Böses zu tun. Wenn wir stets das Böse mit Bösem vergelten, tun wir selbst nur Böses unsererseits und schaffen das Böse nicht aus der Welt. Das Böse wird nur mit Gutem besiegt - und ich erinnerte mich, daß Buddha das gleiche gesagt hatte - das Böse wird nur durch die Liebe besiegt, nur so, daß wir selber aufhören, Böses zu tun und das Kreuz tragen für die Menschen, die es noch tun. In diesem Zusammenhang fiel mir die wunderbare Erzählung von Viktor Hugo ein. Es ging darin um Jean Valjean, einen Galeerensklaven, der nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft noch der Versuchung erlag und einem Bischof silberne Kandelaber entwendete. Der Bischof war Nachfolger Christi, und als ihm Jean Valjean von der Polizei vorgeführt wurde, antwortete er: "Valjean hat die Kandelaber nicht gestohlen, ich habe sie ihm geschenkt." In diesem Augenblick vollzog sich in der Hauptfigur des Buches "Die Elenden" eine innere Wandlung. Er betrat den Weg des Lebens und aus ihm wurde ein christusähnliches Wesen. So rettete der Bischof durch die Liebe und Weisheit eines wahren Christen eine Menschenseele. Das Prinzip, das Böse nicht mit Bösem zu vergelten, enthält unergründliche Geheimnisse. Wir verstehen sie noch nicht alle. Wir wissen noch nicht, wie das Leben sich gestalten könnte, wenn wir aufhören würden, Böses zu tun und Böses mit Bösem zu vergelten. Wir sollten nicht spitzfindig sagen: "Christus war unpraktisch, Christus kannte weder die Menschen noch die Verhältnisse hier auf Erden. Er war ja auch als Gott aus dem Himmel herabgestiegen, er wußte nicht, wie wir hier auf Erden leben." Das sollten wir nicht sagen. Er war, im Gegenteil, der menschlichste aller Menschen. Er war ein herrlicher und erhabener Mensch, ein vollkommener Mensch, der die Gesetze des Lebens kannte und wußte, wie die Menschen leben sollten.

Deshalb sagte auch Jesus in seinem fünften Gebot: Liebt alle Menschen; ihr sollt fremde Völker nicht eure Feinde nennen. Sie sind es nicht. Ihr sollt eure Herzen nicht einmal vor euren persönlichen Feinden verschließen. Tut ihnen Gutes. Der Vater läßt ja seine Sonne aufgehen über Böse und Gute. Weshalb macht ihr einen Unterschied zwischen verschiedenen Menschen? Lernt alle Menschen lieben. Die Menschen sollten doch nach dem erst kürzlich beendeten fürchterlichen Weltkrieg allmählich einsehen, wie unmenschlich und sinnlos der Krieg ist. Warum sollten diese kleinen christlichen Völker in Europa gegeneinander Kriege führen? Sie sollten sich ja zu einem Bündnis zusammenschließen und die Vereinigten Staaten von Europa gründen, um als gleichwertige Partner den anderen Großmächten die Hand reichen zu können. Es sollten alle Brüder werden. Die europäischen Völker fangen langsam an, einzusehen, daß es keine andere Lösung gibt als Liebe und Vertrauen. Es gibt keine andere Lösung als die Lehre Christi.

Christus sprach aber vor allem zu einzelnen Menschen. In meiner Jugend verstand ich, daß dies die fünf Gebote waren, die ich in meinem alltäglichen Leben befolgen sollte, und ich verspürte große Freude und war beruhigt in meiner Seele, weil Jesus Christus gerade die Dinge im Leben aufgewertet hatte, die die Welt in meiner Umgebung als unpraktisch oder höchstens als unbedeutende Verzierungen verurteilt hatte. Das war wirklich eine "Umwertung aller Werte", und auch ich fühlte, daß mein Leben wertvoll werden könnte - wenn nicht in den Augen der Menschen, so wenigstens für "den Vater, der in das Verborgene sieht".

Ich stand vor einem großen Versprechen: Durch die Befolgung der Gebote würde ich des Himmelreiches teilhaftig werden und "in alle Wahrheit geleitet werden".

Ich fing also an, Christus zu folgen, indem ich mich nach seinen Geboten richtete. Die Theosophie hatte mich zum Kosmischen Christus, der Kosmische Christus durch die Theosophie zu Jesus geführt. Jetzt nahm ich Jesus zu meinem Führer und Lehrer und versuchte, ihm nachzufolgen. Wohin führte mich dieser Weg? Kam ich zum Himmelreich? Erreichte ich etwas? Erfuhr ich etwas? Darüber möchte ich morgen berichten.

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III DIE GEHEIMWISSENSCHAFT

Die geheime oder okkulte Wissenschaft befaßt sich, wie Madame Blavatsky zu sagen pflegte, mit Funktion, Arbeitsweisen und Auswirkungen der kosmischen Vernunft in der Natur. Die Geheimwissenschaft oder der Okkultismus erforscht also die unsichtbare Seite der Natur, die Geistwelt und die Welt des Geistes. H.P.B betonte immer, daß die wahre okkulte Forschung auf moralischer Grundlage beruht - deren Voraussetzung sei immer die moralische Entwicklung. Nach ihrer Meinung war kein anderer Okkultismus wahr als diejenige, die unter der Führung eines Meisters geschah, bei welchem der Mensch, der Wahrheitssucher selbst, sein Jünger war. Madame Blavatsky wünschte, daß die Bezeichnung "Geheimwissenschaft" oder "Okkultismus" nur für diese allerhöchste Forschungsart vorgesehen wäre; so umfaßte nämlich diese Forschung die großen Probleme des Lebens und des Todes, die vielen Geheimnisse des menschlichen Wesens, die göttlichen Kräfte in der Natur, kurz, all die Fragen, die bereits seit undenklichen Zeiten die Gemüter der nach der Wahrheit suchenden Menschen bewegen.

Die Bezeichnungen Okkultismus und okkult sind heute ziemlich bekannt geworden. Diese Wörter werden in den Kultursprachen, insbesondere nach dem Weltkrieg, häufig benutzt, meist mit der Bedeutung "Erforschung der unsichtbaren Welt und der unsichtbaren Dinge", in welcher Weise auch immer diese Forschung getrieben wird. Deshalb können die Gelehrten heute die spiritistischen und die sogenannten psychischen Forschungsgebiete zur okkulten Forschung zählen, und deshalb sind manche der Ansicht, daß auch die okkulte Forschung durch die Vermittlung von Medien durchgeführt werden könnte. Gewöhnliche Menschen, die in okkulten Dingen, im Sinne Madame Blavatskys, nicht geschult sind, veranstalten mit Hilfe eines Mediums Séancen, auf denen Dinge passieren, welche die Anwesenheit der Geister oder der Verstorbenen beweisen, oder zumindest zeigen, daß geheimnisvolle Kräfte im Menschen verborgen sind, die unter bestimmten Umständen wirksam werden können. Die okkulte Forschung wird von vielen Leuten so verstanden, und die Gelehrten nennen sich Okkultisten, weil sie an die Existenz der geheimen Kräfte und der Geistwelt glauben, obwohl sie im Sinne Madame Blavatskys gar keine Geheimwissenschaftler sind.

Geheimwissenschaftler ist, nach Madame Blavatsky, ein Forscher, der sich, als Schüler eines Meisters, nach einer bestimmten Methode schult. Bei der geheimwissenschaftlichen Forschung ist es nicht erlaubt, andere Forschungsinstrumente als nur sich selbst zu benutzen. Bei der höheren Geheimwissenschaft gestaltet der Mensch sich selbst, d.h. seine eigene Seele, zu seinem Forschungsinstrument. Er entwickelt in seiner eigenen Seele Fähigkeiten und Sinne, die er als geistiges Wesen bei der Erforschung der unsichtbaren Welt anwendet. Diese Forschung, wie Madame Blavatsky sagt, ist nur selten erfolgreich, wenn der Mensch keinen Lehrer hat, wenn er nicht einem weisen Seher, einem Meister oder einem Adepten folgt.

Nun möchte ich auf meine eigenen Erfahrungen in den 90er Jahren zurückkommen, die mich nach und nach zu einem Rosenkreuzer - in der Bedeutung, in welcher wir dieses Wort benutzen - machten. Dazu muß ich feststellen, daß ich, als ich an dem Punkt angelangt war, von dem ich gestern sprach, ohne es zu wissen, so etwas wie ein Geheimwissenschaftler wurde. Ich dachte an keinerlei Okkultismus, und von der Möglichkeit, vielleicht selber ein Okkultist zu werden, konnte ich nicht einmal träumen. Ich hatte nur einen unstillbaren Durst nach der Wahrheit: Ich wollte wissen, was das Leben ist. Als mir dann klar wurde, daß ich durch die Befolgung der fünf Gebote Jesu zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen könnte, fing ich jedoch an, ohne es zu wissen, gerade die Bedingungen zu erfüllen, die Madame Blavatsky einem wahren Geheimwissenschaftler oder Okkultisten stellte. Als ich anfing, so gut, wie ich es vermochte, Christus durch die Einhaltung seiner Gebote und Lebensanweisungen zu folgen, betrat ich eigentlich den Weg, den wir den okkulten oder geheimwissenschaftlichen Weg nennen könnten. Es war der schmale Weg zum Leben, von dem Jesus sprach, und Jesus selbst versprach, daß derjenige, der den schmalen Weg zum Leben geht und durch die enge Pforte ins Himmelreich tritt, zugleich des Heiligen Geistes der Wahrheit teilhaftig wird, der ihn "alles" lehrt. Ich hatte in meiner Jugend den geheimwissenschaftlichen Weg betreten, ohne zu wissen, dass ich ihn so hätte bezeichnen können.

Nun möchte ich nicht behaupten, daß ich - wie irgendein Wunderkind - Christus in jeder Hinsicht voll und ganz gefolgt wäre. Falls ich eine solche Vermutung aufkommen ließe, würde ich natürlich ein völlig falsches Bild von mir geben. Andererseits möchte ich auch nicht den Eindruck erwecken, daß mein Streben nicht wahrhaft ernst und unnachgiebig gewesen wäre, denn eine spirituelle Anstrengung führt zu keinem Erfolg, falls sie nicht durch und durch kompromißlos und aufrichtig ist. Ich wußte nicht, daß ich die Gebote Jesu jemals gebrochen hätte. Ich befolgte sie so gut wie ich es vermochte. Ich machte aber die Erfahrung, daß alle Lebensanweisungen, die uns Jesus über Liebe, Demut, Aufrichtigkeit, Reinheit, Friedfertigkeit usw. gab, um so weiter in die Ferne rückten, um so unerreichbarer wurden, je mehr ich mich danach zu richten versuchte. Es war sehr seltsam. Ich brach die Gebote nicht, aber ich hatte niemals das Gefühl, daß ich sie hätte erfüllen können. Im Gegenteil, ich hatte ständig das Gefühl, daß die Anforderungen, die mir gestellt wurden, viel höher waren. Jedes Gebot wurde so tief und so hoch, so voller Inhalt und so weit, daß es für mich wie ein großes Fernrohr erschien, durch das ich das ganze menschliche Leben betrachtete. Und ich sah, daß das ganze Leben sich anders gestalten würde, wenn wir diese Gebote halten könnten! Deshalb war mein Vorwärtskommen, wenn ich so sagen darf, als hätte ich mich zugleich weiter vom Ideal entfernt. Je mehr ich bei der Erfüllung der Gebote Fortschritte machte, desto weiter in die Ferne, desto höher hinauf rückte das Ziel, das jedes einzelne Gebot erleuchtete, desto weiter weg entfernte sich das Ziel, das ich erreichen wollte. Also verstand ich, daß die Gebote Jesu mitten aus dem täglichen Leben übernommen waren. Jesus hatte sie nicht erfunden. Er hatte sie von seinem Vater erhalten, er hatte sie aus der geheimnisvollen, göttlichen Ewigkeit des Lebens herausgeholt. Seine Gebote bekräftigten die Gesetze des Lebens und waren deshalb endlos, unerschöpflich, unerreichbar.

Wenn ich jetzt hinterher an die Bestrebungen meiner Jugend zurückdenke, so kann ich feststellen, daß man sie in zwei unterschiedliche Perioden einteilen kann. Die Erstere war offensichtlich eine Vorbereitungszeit, die Letztere bestand aus eigentlicher Arbeit und Erkenntnis.

Die Vorbereitungszeit war mehrere Jahre lang. Äußerlich könnte man sie mit dem Wort Dienstzeit bezeichnen. Ich hatte, bedingt durch mein Karma, die wunderbare Gelegenheit, bei mir zu Hause dienen zu dürfen, denn mein Vater war ungefähr zehn Jahre krank. Für uns Kinder wäre es furchtbar gewesen, wenn unser Vater im Krankenhaus hätte liegen müssen oder wenn wir für seine Pflege zu Hause eine Krankenschwester hätten einstellen müssen. Deshalb wetteiferten wir Kinder um seine Pflege und Betreuung. Ich, als ältestes Kind, war in den ersten Jahren wirklich bevorzugt, denn ich durfte unseren kranken Vater fast allein betreuen. Es war eine kleine, bescheidene, sich in Demut abspielende Zeit, in geistiger wie auch in äußerlicher Hinsicht. Natürlich studierte ich an der Universität weiter und schrieb auch fleißig dies und das. Ich wollte ein Buch über Theosophie schreiben und arbeitete mehrere Jahre daran, ohne etwas fertig zu bringen. In meinem häuslichen Leben wollte ich grundsätzlich nicht bedient werden: Ich putzte mein Zimmer selbst, usw. Dazu gehörte auch eine große Anspruchslosigkeit beim Essen. Ich war strikter Vegetarier. (1895, als ich damit anfing, gab es wohl nur wenige Vegetarier in Finnland.) Zu meiner Vorbereitungszeit gehörte auch Einfachheit und Bescheidenheit in Kleidung und in meinem äußeren Benehmen. Ich hegte immer den Wunsch nach der Armut. Wenn ich äußerlich frei und unabhängig gewesen wäre, so wäre ich, wie Franz von Assisi, als Bettler in die weite Welt hinausgezogen. Mein inneres Gefühl sagte mir jedoch, daß es meine Pflicht war, zu Hause meinen Vater zu pflegen; deshalb gab ich den Bettlergedanken auf, der mir auch zu groß und wunderbar vorkam.

Als ich ungefähr vier Jahre ein solches Leben geführt hatte, geschah in meinem Leben eine Wende. Ich hatte ständig etwas abgewartet. Ich fühlte, daß ich noch nichts wußte. Ich verließ mich darauf, daß Jesus mich auf den rechten Weg führen konnte; ich konnte aber nicht sagen, daß ich etwas gewußt hätte. Ich wußte zum Beispiel nichts über das Leben nach dem Tode; ich war mir nicht einmal sicher, ob der Mensch nach dem Tode weiter existierte; ich wußte nicht, ob es Geistwesen oder Engel gab. Ich wollte mir nichts vormachen und nicht behaupten, daß ich etwas wußte, selbst wenn ich psychisch einigermaßen empfindsam war und von Kind an übersinnliche Phänomene erlebt hatte. Ich glaubte dies und das gesehen zu haben, aber nichts davon hatte auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich hätte denken können: Ich weiß.

Vom Wissen stellte ich mir etwas Größeres vor: Wenn ich wirklich etwas wüßte, so würde das bedeuten, daß ich in der Lage wäre, mein Wissen in die Praxis umzusetzen. Ohne daß ich es wußte, dachte ich wie Madame Blavatsky. Wenn ein Geheimwissenschaftler etwas weiß, sagte sie, so bedeutet das Wissen für ihn Leben, fähig sein, das Gewußte in die Praxis umzusetzen. Sein Wissen ist nicht außerhalb seiner selbst. Sein Wissen wohnt nicht in seinem Kopf; es erfüllt sein ganzes Wesen. Sein Wissen besteht darin, was er selber ist. So hatte Madame Blavatsky den Okkultismus geschildert, und, selbst wenn ich die Dinge nicht von diesem Standpunkt aus betrachtete, erwartete und wünschte ich instinktiv etwas Ähnliches. Ich sagte zu mir selber: Sollte ich zur Erkenntnis gelangen, so muß diese Erkenntnis unwiderruflich sein. Sie kann nicht vorübergehend und flüchtig sein; man wird sie nicht in Frage stellen können. Sie darf weder bloßes Erinnerungswissen, noch etwas in Büchern Gelesenes sein, was man wieder vergessen kann. Das wahre Wissen muß immer bei mir bleiben als eine wahre Kunst des Lebens, gleich einer Sprache, die man als Kind gelernt hat. Wenn ich meine Muttersprache spreche, brauche ich nicht an einzelne Wörter zu denken und sie in Erinnerung zu rufen. Wenn jemand das Klavierspielen gelernt hat, so hat er diese Kunst lebendig in sich. Er hat lange trainiert, bevor er das Klavierspielen gelernt hat, aber dann ist diese Kunst instinktiv in ihm, so lange er sie praktiziert und aufrecht erhält. So soll es auch mit der wahren Kunst des Lebens sein.

Deshalb war meine Stimmung in den Vorbereitungsjahren seltsam abwartend. Manchmal war ich unsagbar unglücklich, äußerst deprimiert; als hätte ich gezweifelt, ob überhaupt etwas zustande kommt. Kann ein Mensch überhaupt zur Erkenntnis gelangen? Dann und wann gab es schwere Zeiten, aber die Hoffnung, daß irgendwann die Lösung kommen mußte, gab mir dennoch neuen Mut. Ich hatte ja erlebt, daß Jesus ein Mensch war, der mich in meinen schweren Stunden verstand, und ich hatte ja immer geglaubt, daß er ein wahrhaft weiser Mensch war, auf dessen Ratschläge man sich verlassen konnte. Jesus hatte ja versprochen: "Wer sucht, der findet und wer anklopft, dem wird aufgemacht." Das gab mir neuen Mut - diese heimliche Hoffnung und dieser Glaube. Dann kam auch die Wende.

Es kam ein Augenblick in meinem Leben, den ich eine Wiedergeburt nennen muß, oder den ich auch, anders ausgedrückt, eine Jordan-Taufe nennen könnte. Es war ein mystisches Erlebnis, das schwer und nur mit Angst und Bange zu beschreiben ist, das aber kurz und treffend in den Evangelien beschrieben steht. Das, was Jesus geschah, als er zu Johannes ging und von ihm im Jordan getauft wurde, das gleiche kann einem Menschen heute geschehen, falls er Christus nachfolgt. Das geschah mir. Ich wurde getauft. Ohne in Einzelheiten zu gehen, werde ich jedoch auf ein paar Dinge eingehen.

Erstens fühlte ich, daß ich Gottes Sohn war. In dem Augenblick wußte ich, was das Geheimnis des Menschen war. Der Mensch ist ein völlig anderes Wesen, als er von sich denkt. Der Mensch hat geglaubt, daß er ein körperliches und seelisches Wesen sei, eine kleine, menschliche Persönlichkeit, dessen Inhalt sich in seinem Seelenleben erschöpft - in Wahrheit aber ist der Mensch etwas ganz anderes. Er ist ein ewiger Geist, aus der Liebe des Vaters des Universums geboren, aus dem Feuer der Vernunft wie ein Funke hinausgesprüht. Der Mensch ist Gottes Sohn. Das ewige, unerschöpfliche, den ganzen Kosmos erfüllende Leben wohnt in ihm. Er ist jenes Leben. Man kann sagen, daß er ein Teil davon ist, man kann aber auch sagen, daß er es ist. Wie die alten Inder sagten: Aham Brahmâsmi (ich bin Brahman) und Tattvam asi (du bist es). Bei der Wiedergeburt erkennt sich der Mensch als Gott, als das große, geheime Leben und zugleich dessen Sohn, Gottes Sohn; gleich Jesus, als er sagte: "Ich bin im Vater und der Vater ist in mir." Das erlebt der Mensch im Augenblick seiner mystischen Wiedergeburt, wenn er zu einem neuen Wesen getauft wird.

Ein anderer, seltsamer Aspekt, den ich damals noch nicht verstand, der aber als eine Parallelerscheinung mit der Wiedergeburt verbunden war, war die Tatsache, daß Jesus Christus auf eine geheimnisvolle Weise dabei anwesend war. Nicht wie jener, der die Handlung der Taufe vollbringt, auch nicht wie der Vater, zu dessen Sohn der Mensch ernannt wird, sondern wie eine sagenhafte, durchdringende Persönlichkeit, die im Bewußtsein des Gottessohnes anwesend war. Ich möchte die Beschreibung nicht weiterführen, denn ich will später darauf zurückkommen, aber damals, während meines Erlebnisses konnte ich nichts anderes, als mich nur über die geheimnisvolle Anwesenheit Christi wundern.

Dieses mystische Erlebnis fand weder im Schlaf noch im Halbschlaf statt, sondern in vollem Wachzustand. Ich war vor und während des Erlebnisses vollkommen ich selbst, in den Augenblicken jedoch änderte ich mich vollkommen - ich wurde mir gleichsam des Selbstes bewußt, das früher im Verborgenen geblieben war. Und nach dem wunderbaren Ereignis begann für mich ein neues Leben.

Kurz nach der Taufe wurde ich - in irdischen Jahren gerechnet - 21 Jahre alt und erhielt die Aufgabe, die theosophische Bewegung in Finnland in die Wege zu leiten. Während meiner Vorbereitungszeit hatte ich mir allerlei vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, wie wunderbar es wäre, ein theosophisches Buch zu schreiben oder Reden über Theosophie zu halten, aber das alles war noch unbestimmt, nicht fest umrissen. Jetzt, nach meiner Wiedergeburt, erhielt ich die Anweisung: Du sollst die theosophische Bewegung in Finnland in die Wege leiten. Äußerlich gehörte dazu, daß ich in keinerlei Weise fremde Hilfe annehmen durfte. Ich mußte nur arbeiten. Ich mußte hinaus in die Welt, ich mußte mein Elternhaus verlassen und - weltlich ausgedrückt - finanziell unabhängig werden. Ich konnte ein armes und einfaches Leben führen, so, wie ich es mir immer geträumt hatte. Das Einzige, worauf ich achten mußte, war meine theosophische Aufgabe.

Ich will natürlich jetzt nichts über meine theosophische Tätigkeit sagen - davon erzählen die historischen Berichte unserer Bewegung2) - sondern möchte viel mehr auf die inneren Dinge eingehen: Erfuhr ich etwas, trat ich als Mensch ins Reich Gottes? Das Letztere hatte sich ja gewissermaßen ereignet. Den Ansatz bildete meine mystische Wiedergeburt, denn ich war in ein neues Leben eingetreten und fühlte, daß ich im Himmelreich lebte, ich fühlte, daß ich irgendeinem inneren Kreis angehörte, in dem auch Jesus Christus anwesend war. Nach der Wiedergeburt erfuhr ich aber außerdem, daß der Mensch tatsächlich berufen ist, zur göttlichen Erkenntnis zu gelangen.

Wenn nämlich der Mensch ins Himmelreich, also zum Bürger der unsichtbaren Welt, geboren ist, dann beginnt sein Leben im Reich des Geistes, und dann kann er auch die sogenannte Geistwelt kennen lernen. Er wird sehen und erfahren. Ich möchte zuerst klarstellen, daß ich alles, was ich erfahren habe, als so etwas wie einen Gnadenbeweis seitens der höheren Gewalten empfunden habe. Ich empfinde, daß es nicht mein Verdienst ist, und ich finde in meiner eigenen Person keine Ursache für das, was mit mir geschehen ist. Weshalb mußte ich zur Erkenntnis gelangen und Erfahrungen machen? Warum ich? Ich war solcher Erfahrungen nicht wert. Ein anderer Wahrheitssucher, der sein Bestes tut, sollte nicht denken, daß er, wenn seine Bestrebungen nicht so rasch zum Erfolg führen wie die meinen, benachteiligt oder weniger verdienstvoll wäre. Für meinen Erfolg finde ich keinen anderen Grund, als daß er vielleicht für meine Arbeit notwendig war, weil ich beauftragt war, für die theosophische Bewegung zu arbeiten.

Nun möchte ich etwas über drei Dinge erzählen.

Das erste ist, daß ich einige Jahre nach meiner Wiedergeburt mit den sogenannten Meistern in Verbindung kam. Ich traf einige von den Meistern und Adepten, die in der theosophischer Literatur vorkommen. Madame Blavatsky stand in ständiger Verbindung mit ihnen, und viele, die nach ihr gekommen sind, haben gesagt, daß sie Meister getroffen hätten. Als ich im Jahre 1900 Oberst Olcott, den Gründer-Präsidenten der Theosopischen Gesellschaft, traf, sprach ich mit ihm unter anderem auch über die Meister. Dabei erwähnte er, daß er mehrere von ihnen persönlich kannte. Sie waren zu ihm gekommen. Er hatte sie nicht alle physisch gesehen, doch zwei von ihnen hatte er in physischer Gestalt getroffen. Andere Adepten hatte er in einem "Illusionsleib", Mayavi-Rupa, gesehen, dessen sich ein Meister bei seinem Erscheinen bedienen kann. Oberst Olcott war von der Existenz der Adepten gleich überzeugt wie Madame Blavatsky, und er fand es geradezu lächerlich, daß auch die Gelehrtenwelt manchmal glaubte, Madame Blavatsky hätte die ganze Bruderschaft der Eingeweihten in ihrer Phantasie erfunden.

Diese Weisen erscheinen einem Jünger, wenn sie ihn als "reif" beurteilen oder wenn sie der Meinung sind, daß ihr Erscheinen dem Jünger nützlich sein wird. Zuerst dachte ich, daß alle Meister im Himalaja in Tibet wohnen; später erfuhr ich jedoch, daß es sie auch anderswo gibt, z.B. in Ägypten, Europa und in Amerika. Ich traf keinen von ihnen in physischer Gestalt, und keiner von ihnen hielt sich meines Wissens hier in Finnland auf. Meine Begegnung mit ihnen geschah jedoch nicht im Schlaf, sondern so, daß ich selbst mich außerhalb meines physischen Körpers befand - dieser ruhte im Bett oder saß in einer Meditationsstellung. Ich bewegte mich frei und selbstbewußt in einem anderen, dem physischen Auge unsichtbaren Körper. In einem solchen Zustand traf ich mit diesen wunderbaren Adepten zusammen. Die Theosophische Gesellschaft hatte sowohl öffentlich, als auch in ihrem inneren Kreis von zwei Meistern gesprochen, und auf einem Bild konnte ich erkennen, daß ich einen von den beiden getroffen hatte. Unter den Adepten war jedoch einer, dessen Treffen für mich - ich möchte es hier nebenbei erwähnen - wie ein Beweis dafür war, daß ich ein lebendes Wesen und einen "Älteren Bruder" getroffen hatte.

Ich hatte mit ihm lange über mache Dinge gesprochen, bevor ich ihn endlich fragte, wer er sei. Ich fand ihn so außerordentlich freundlich und zuvorkommend - es gibt Meister, die so majestätisch sind, daß man sich nicht trauen würde, ihnen Fragen zu stellen - daß ich Mut faßte und ihn fragte: "Aber wer sind Sie?"3) Er antwortete sofort: "Ich bin der ungarische Eingeweihte, von dem Madame Blavatsky in der Geheimlehre spricht." Ich war erstaunt, denn ich hatte niemals an einen ungarischen Eingeweihten gedacht. Doch in der Geheimlehre wurde er einmal erwähnt, was ich bald danach feststellen konnte. Kurz darauf war ich in Schweden und traf dort einen Esoteriker, der auf mich einen sehr sympathischen Eindruck machte. Wir unterhielten uns über so tiefgründige Fragen, daß ich ihm auf einmal etwas über meine Begegnungen mit den Meistern erzählen wollte. Als ich u.a. erwähnte, daß einer von ihnen gesagt hätte, er sei der ungarische Eingeweihte, war mein schwedischer Freund sehr erstaunt. "Tatsächlich?" rief er, "tatsächlich?" Dann sprang er plötzlich auf - wir saßen in der theosophischen Bibliothek in Stockholm - nahm aus dem Regal einen dicken Band, legte ihn in meine Hand und sagte: "Blättern Sie in diesem Buch." Ich blätterte darin und sah plötzlich ein Bild, das wie ein Blitzschlag auf mich wirkte; ich erkannte nämlich: Das ist ja der Adept, den ich getroffen habe, das ist der ungarische Eingeweihte! Unter dem Bild stand jedoch ein fremder französischer Name, nichts von einem ungarischen Eingeweihten. Ich sagte es meinem Freund, und er gab mir die Erklärung: "Das ist ausgerechnet der ungarische Adept, der unter diesem anderen Namen bekannt ist." Dann erzählte er mir, daß dieser Adept im 18. Jahrhundert in Europa herumreiste. Er trat damals unter dem Namen Graf de St. Germain auf. Das Porträt, das im Buch in einem Foto dargestellt war, war in Frankreich kurz vor der großen Revolution gemalt worden. Graf de Saint Germain war in den Geschichtsbüchern zum Abenteurer abgestempelt worden; er war jedoch, wie Madame H. P. Blavatsky in unserer Zeit, ein Abgesandter der Geheimen Bruderschaft. Das alles war für mich ebenso erstaunlich wie beweiskräftig. Es war ein Beweis dafür, daß das Wesen, das ich getroffen hatte und mit dem ich mich unterhalten hatte, nicht nur eine historische Persönlichkeit war, von dem ein Foto existierte, sondern der in der theosophischen Welt bekannte ungarische Eingeweihte; der Name Graf de St. Germain war nämlich ein Pseudonym. Sein richtiger Name war Rakoczy, und er stammte aus einer Siebenbürger Fürstenfamilie.

Nun möchte ich von einem anderen Umstand erzählen, der dazu beitrug, meine Kenntnisse über den Okkultismus zu erweitern. Ich wurde nämlich beauftragt, das Leben nach dem Tode zu erforschen. Das geschah so, daß ich nachtodliche Zustände, Unterwelten, Höllen, Fegefeuer und Himmel besuchen konnte. Ich konnte Verstorbene verschiedener Art treffen und ihre Zustände nach dem Tode studieren. Es war lehrreich und spannend - "interessant", wie man sagt - aber der Umstand, daß ich verschiedene menschliche Schicksale sehen konnte, war bei weitem nicht so bemerkenswert wie die Erkenntnis, die sich daraus ergab, nämlich daß auch ich in den nachtodlichen Zuständen so gelebt hatte und noch leben könnte. All die Fälle, die ich sah, waren zugleich wie etwas von mir selbst. Dieses Studium und diese Erkenntnis bestand in keinem Betrachten, gleichsam von außen her, wie ein anderer Mensch leidet oder wie er sich im Leben nach dem Tode verhält. Es war keine Befriedigung der Neugier, was ja eigentlich niedrig und unmenschlich gewesen wäre, sondern Teilnahme am Leben der Verstorbenen. Wenn ich in der Hölle oder der Unterwelt einen leidenden Menschen sehen konnte, dann war ich selbst mit jenem Menschen zusammen und empfand seine Schmerzen.

Die Forschung des Okkultismus ist keine gewöhnliche wissenschaftliche Forschung, bei welcher der Mensch vollkommen außerhalb seines Forschungsobjektes steht. Wir mischen z.B. chemische Stoffe zusammen und beobachten, was daraus wird; wir selbst stehen dabei außerhalb des Geschehens. Durch unseren Körper und unsere Sinneswahrnehmungen sind wir von dem chemischen Prozeß vollkommen getrennt. Bei der Forschung des Okkultismus dagegen ist unsere wissenschaftliche Objektivität von geistiger Natur. Die nachtodlichen Umstände z.B. dürfen nicht erforscht werden, ohne dafür Lösegeld zu zahlen, d.h., ohne daß man die Qualen auf sich nimmt, welche die Seelen in der Hölle zu erleiden haben. Keine Hölle ist - nebenbei gesagt - ewig, aber um nur einen Augenblick die Qualen durchzuhalten, muß der Wahrheitssucher Herr seiner Phantasie sein, um nicht von Angst überwältigt zu werden. Er muß Mitleid und Liebe zu den Leidenden empfinden und bereit sein, mit ihnen zu leiden. Aber er muß dabei seine innere Ruhe bewahren, um zu einer unparteiischen, wissenschaftlichen Beobachtung fähig zu sein. Deshalb fällt mir jetzt ein, was von vielen Heilanden erzählt wird, nämlich, daß sie nach ihrem Tode zu den gefangenen Seelen hinunterstiegen, um ihnen in jener Finsternis zu predigen. Sie stiegen hinab in die Unterwelt. Die Forschung des Okkultismus ist genau so. Sie besteht im Hinuntersteigen in die Unterwelt, um dort zu helfen. Sie ist keine Befriedigung der Neugier, sondern liebevolles Helfen, Aufklären, Ermuntern, gefangene Seelen Trösten - und manchmal eine sehr mühsame Arbeit. Selbst wenn der Helfer Schmerzen des anderen auf sich nimmt, kann er die Augen des anderen durchaus nicht sofort öffnen. Immer wieder muß er zu den Verstorbenen gehen, um sie zu trösten, ihnen zuzusprechen und sie aufzuklären, bevor diese in ihrer Qual auch nur einigermaßen hinhören. Einem verstockten Verstorbenen fällt es nicht leicht, die Stimme des Gewissens zu vernehmen.

Diese Besuche bei den Verstorbenen und deren Aufklärung ist durchaus nicht "übernatürlich", denn es gibt relativ viele lebende Menschen, die so etwas tun, auch wenn sie noch keine besonders fortgeschrittenen Geheimwissenschaftler sind. Warmherzige Menschen, die nicht in engstirnigen Glaubenssätzen befangen sind, die wirklich hilfsbereit und hier auf Erden unter lebenden Menschen wohltätig und dienstbereit sind, andere trösten und Gutes tun, solche Menschen können lernen, Verstorbenen zu helfen, während sie selbst schlafen. Im Schlaf verlassen sie, ohne sich später daran zu erinnern oder etwas davon zu wissen, ihren physischen Körper, wandern in ihrem Astralkörper und werden, weil sie dienstfertige und hilfsbereite Menschen sind, in eine Schule aufgenommen. Sie erhalten Anweisungen, was sie zu tun haben und auf welche Weise sie helfen sollen. Dies ist eine sehr große Errungenschaft vorwiegend unserer Zeit. Nachdem nämlich die theosophische Botschaft der Welt verkündet wurde, sind in verschiedenen Ländern in der unsichtbaren Welt solche Astralschulen errichtet worden. In diesen Schulen erhalten die lebenden Menschen Unterricht in Hilfeleistungsarbeit während des Schlafes. Deshalb sagen die Weisen: Alle Menschen, auch wenn sie noch so arm sind, können immer dienen und einander helfen, wenn sie nur nach der Wahrheit suchen, ihr Denken von den Fesseln der Dogmen befreien und ihr Herz voller Mitgefühl und Liebe bewahren. Sie können dann lernen, in der Nacht Gutes zu tun. Aber wir sollten uns folgendes merken: Kein Mensch, der nicht am Tag, wenn er die Gelegenheit dazu hat, Gutes tut, ist tauglich, es in der Nacht zu tun. Um in der Nacht reine Hände zu haben, müssen wir während des Tages hilfreich sein. Es ist, als ob der Mensch, wenn er während des Tages nicht hilfreich ist, eine Bürde in sein Nachtleben mitnehmen würde, es ist, als ob er an Händen und Füßen gefesselt und verhindert wäre, in der Nacht zu helfen. Wenn er aber diese Bedingung erfüllt, dann braucht die Zeit des Schlafens für ihn keine verlorene Zeit zu sein. Es heißt, daß ein Drittel unseres Lebens nutzlos ist, was auch wahr ist, wenn wir hartherzig, böse und niederträchtig sind. Sind wir aber hilfreich, dann trifft das Gegenteil für uns zu. Das Reich des Geistes ist so organisiert, daß sich demjenigen, dessen Herz rein ist, die Gelegenheit bietet, Gutes zu tun.

Jetzt möchte ich noch von dem bereits erwähnten dritten Thema sprechen, aber es ist von so wunderbarer Art, daß ich es lieber auf Morgen verschiebe.

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IV DAS ROSENKREUZ

Zu meinem gestrigen Vortrag hätte ein Hörer, der dem Rosenkreuz oder mir gegenüber bisher nicht freundlich gesinnt war, mit vollem Recht sagen können: "Was bildet sich eigentlich der P. E. ein? Er hat sich beinahe für Gottes Sohn, wenn nicht sogar für einen Heiland ausgegeben. Er sprach von seinen hellseherischen Wahrnehmungen, seinem Wandeln im Reich des Geistes und erzählte, wie er Verstorbenen geholfen hatte. Er erzählte allerlei Dinge über sich. Was bildet er sich eigentlich ein? Glaubt er vielleicht, ein gottgleiches Wesen zu sein?" Wenn aber dieser Hörer zu mir gekommen wäre und mir die gleiche Frage gestellt hätte, so hätte ich ihm abweisend geantwortet: "Ich bilde mir gar nichts ein. Als Persönlichkeit bin ich nichts, weder Gottes Sohn, noch Seher oder Wissender; ich bin nirgendwo gewesen und habe nichts gesehen." Vermutlich hätte sich der Hörer, der mit seiner Frage in so freundlicher Absicht zu mir gekommen wäre, gewundert - und vielleicht wäre auch jemand von meinen engen Freunden über eine solche Antwort erstaunt gewesen. Vielleicht hat sich dieser Freund ein schönes und edles Bild von mir gemacht, und jetzt hätte ich ja sein ganzes Bild zerrissen und ihn bitterlich enttäuscht. Wie ist es also? Ist das nicht ein offensichtlicher Widerspruch?

Ich habe über solche Dinge berichtet, weil ich meine rosenkreuzerische Lebensanschauung und meinen Werdegang beschreiben möchte - und ich habe meinen Bericht noch nicht beendet - deshalb mußte ich über die Dinge und Ereignisse so erzählen, so wie sie sich in meinem Leben zugetragen haben. Aber mit meiner negativen Antwort auf die Frage des imaginären Fragestellers, der sich über meine Persönlichkeit informieren wollte, hätte ich mir offenbar widersprochen. Und doch wieder nicht. Ich möchte ein wenig erklären.

Wenn ich an die Zeit vor etwa einem Vierteljahrhundert denke, kann ich mich erinnern, daß ich beim Reden über die theosophische Lebensanschauung niemals darüber sprach, daß ich selbst etwas über diese Dinge wusste. Ich berichtete über die Dinge objektiv - historisch oder philosophisch. Ich sprach selbstverständlich immer mit großer Überzeugung, so, daß die Hörer sich davon überzeugen konnten, daß ich daran glaubte, was ich sagte; von mir selbst sprach ich jedoch nichts. Zugleich aber dachte ich, oder besser gesagt, war mir insgeheim sicher: "Ihr, meine Zuhörer, ahnt nicht, daß ich von diesen Dingen Kenntnis habe. Ihr ahnt nicht, wo ich gewesen bin und was ich erlebt habe. Ihr ahnt es nicht und ich werde es euch nicht sagen." Als aber im Sommer 1902 ein mir unbekannter Mensch, der ein paar Mal unter meinen Zuhörern gewesen war, bei einem Gespräch, das zufällig in einem Eisenbahnwagen stattfand, zu mir sagte: "Sie werden wohl hier in Finnland so etwas wie ein kleiner Seher sein. Ich habe immer so gedacht" - so konnte ich nur lächeln und eine abwehrende Geste mit der Hand tun; der Dank kam mir jedoch gerecht vor. "Ja, so ist es", dachte ich, "ich bin sehr wohl ein kleiner Seher, auch wenn ich es nicht verrate".

Ich möchte noch von einem psychologischen Erlebnis anderer Art erzählen. Manchmal sagten mir meine nahen Freunde und Bekannte: "Du bist ein Redner. Du bist ein geborener Redner." Da war ich zutiefst beleidigt. Ich wurde sehr traurig; es kam mir vor wie eine verkleidete Beschimpfung. Ich dachte, daß meine Freunde meine förmliche Redekunst lobten und der Meinung waren, daß das Reden für mich wie ein Beruf war - und ich meinerseits verabscheute jede Art von Professionalität. In meinen Augen war ich ein freier Mensch - ein Künstler, der über seine Gedanken und Anschauungen berichtet. Ich hätte niemals reden können, wenn ich nicht etwas zu sagen gehabt hätte. Ich war also kein "Redner".

Wenn ich jetzt an die psychologischen Reaktionen meiner Jugend denke, so kann ich sie jetzt besser beurteilen. Meine jetzige Persönlichkeit hatte als karmisches Naturgeschenk von ihrer Vergangenheit eine Art Fähigkeit zu denken und das Gedachte in Worte zu fassen geerbt, mein Ich jedoch, das sich dieser Fähigkeit bediente, schätzte natürlich diese Fähigkeit keineswegs per se, und die Persönlichkeit war in dieser Hinsicht nicht ehrgeizig, da sie ja die Vorherrschaft dem Selbst übergeben hatte. Die Persönlichkeit dagegen war bereit, der Stimme des Versuchers Gehör zu schenken und sich die Ehre für solche Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die gar nicht ihr Eigentum waren, sondern einzig und allein dem höheren, inneren Selbst gehörten. Wenn ich jetzt, in fortgeschrittenerem Alter, über meine Erfahrungen berichtet und mich selbst gleichsam zur Schau gestellt habe, habe ich dabei große seelische Schmerzen empfunden. Es ist, als hätte ich mich an den Pranger gestellt, der öffentlichen Auspeitschung ausgesetzt, obwohl ich gleichzeitig Freude und Dankbarkeit darüber empfunden habe, daß es auch mir vergönnt war, für die Wahrheit zu zeugen.

Ich habe nämlich im Laufe der Jahre etwas Neues gelernt. Gestern sagte ich, daß es noch ein drittes Thema gibt, von dem ich gerne sprechen möchte. Gerade das dritte Thema, das ich gestern nicht mehr behandeln konnte, hat meine persönliche Einstellung zum geheimen Wissen verändert. Ich erinnere mich, daß Madame Blavatsky nach einer alten östlichen Quelle in der Stimme der Stille sagt: "Wenn deine Seele, stärker geworden, heraustritt aus ihrem sicheren Zufluchtsort, wenn sie, sich lösend aus dem schützenden Schrein, ihren Silberfaden dehnt und vorwärts stürmt, wenn sie dann, auf den Wogen des Raumes ihr eigenes Bild erblickend, flüstert: 'Das bin ich!' - gestehe dann, o Jünger, daß deine Seele in den Netzen der Täuschung gefangen ist."

In seinem spirituellen Leben wird der Mensch etwas Merkwürdiges lernen, immerhin dann, wenn er den Weg geht, den Jesus gewiesen hat. Gestern, als ich von dem Erlebnis der Gottessohnschaft sprach, wies ich darauf hin, daß ich dabei das Gefühl hatte, daß Jesus Christus in einer wunderbaren Weise dabei anwesend war. Damals konnte ich es mir nicht erklären; ich war nur erstaunt, aber im Laufe der Jahre, nach vielen Anstrengungen und Erfahrungen, bin ich mir allmählich über diese merkwürdige Tatsache klar geworden.

Man kann es nicht verstehen, ehe man in einem richtigen Verhältnis zu seinem persönlichen Ich steht. Der Mensch muß sein eigenes Ich, sein eigenes Leben aufgeben, um das Leben für sich zu gewinnen, um Christus zu finden. Das Erlebnis der Taufe ist so allumfassend, so gewaltig, daß man den Eindruck hat, daß die Gottessohnschaft in jenem großen Bad der Wiedergeburt bereits verwirklicht sei. Der Mensch ist jedoch nicht sofort ein vollkommenes Christuswesen, sondern muß in den kommenden Jahren nach und nach das verwirklichen, was er damals, im Augenblick der Taufe, war. Dabei empfand er sich selbst als Gottes Sohn, und kann deshalb hinterher glauben, daß er persönlich jener Gottessohn sei. Er vermag es natürlich niemandem zu sagen. Er sagt nur zu sich selbst, insgeheim, leise: Ich bin Gottes Sohn. Erst nach vielen Qualen und vielerlei Erlebnissen lernt er zu sagen: Gottes Sohn ist in mir, und nicht: ich bin Gottes Sohn. Er lernt zu sagen: Christus ist in mir, und nicht: ich bin Christus. Wie auch der Apostel Paulus sagt: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." Das muß der Mensch in der Schule der spirituellen Erlebnisse lernen. Er wird sich allmählich entkleiden, bis er nichts mehr hat. Er wird sich allmählich alles dessen, was zu seinem Ich gehört, entkleiden und erkennen, daß er selbst nichts ist; seine einzige Errettung besteht darin, daß Christus in ihm ist. Seine Errettung besteht darin, daß er die Bühne verläßt, sich selbst leugnet, sich selbst vergißt, sein eigenes Leben gibt, damit Christus in ihn eintreten, in ihm leben, in ihm arbeiten kann.

Als man zu Jesus sagte: Guter Lehrer, guter Meister, guter Rabbi, so antwortete er abweisend: Niemand ist gut außer Gott. Was ich tue, das tue ich nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. So kann auch der wiedergeborene Mensch nicht sagen, daß er selbst etwas wäre - er strebt danach, selbst nichts zu sein, damit Christus alles in ihm sein könnte. Deshalb ist sein Leben ein langer, mühsamer Rückzug, in dem er sich aus seinem eigenen Egoismus, seiner Eigenliebe, seinem Selbstwahn, ganz und gar aus seinem gewöhnlichen, persönlichen Ich herauszieht. Sein Leben ist eine Wanderung weg von all diesem, damit Christus, der Grundstein, Gott, in ihm zur Wirkung kommen könnte. Der Mensch stellt in der Tat nur Hindernisse vor seinen Heiland, und das größte Hindernis, das der Mensch vor seinen Heiland stellt, ist sein eigenes Ich. Wenn wir es ablegen können, dann kann Christus in uns sein, dann können wir von göttlicher Liebe und Weisheit erfüllt werden. Unser Hochmut, unsere Eitelkeit wird sich zur Demut umwandeln, und wir können endlich lernen, daß unser Ich nichts weiß, nichts kann, zu nichts imstande ist. Wenn es aber dem göttlichen Selbst, Christus, und, wie meine Erfahrung war, Jesus Christus, Raum schaff, wird es zur Erkenntnis gelangen und fähig werden, anderen zu helfen.

Nun komme ich zum Kernpunkt. Das Christusleben erschien mir - wie soll ich sagen? - in der Gestalt von Jesus Christus. Ich kann nicht aus Erfahrung behaupten, daß ein Wahrheitssucher, ein Mitglied eines anderen Religionssystems, sagen wir ein Buddhist, der wirklich aufrichtig und hingebungsvoll den von Buddha gewiesenen Weg gegangen ist, nach seiner Wiedergeburt sagen würde: Jesus Christus ist in mir. Selbstverständlich sagt er es nicht, auf jeden Fall dann nicht, wenn er nicht einmal den Namen Christus kennt, sondern vermutlich, und - ich möchte sagen - ganz sicher: Buddha ist in mir. So würde zumindest derjenige sagen, der den nordbuddhistischen Mahayana-Weg befolgt. Und wenn er wirklich Erfahrungen gemacht und sein persönliches Ich hat zurücktreten lassen, um in seinem Wachzustand das große Licht von Buddha zu empfangen, so daß er flüstert: Buddha ist in mir - dann hat er die Wahrheit gefunden, dann ist er zu dem Mystischen, Kosmischen Christus gekommen, der hinter allem steht. Und ich möchte glauben, selbst wenn ich es nicht durch eine empirische Erfahrung begründen kann, daß schließlich jeder, der zur Erkenntnis gelangt ist, gleichgültig ob er ein Buddhist oder etwas anderes ist, wahrnehmen wird, wer es ist, der ihm in diesem Kosmischen Christus als eine persönliche Kraft entgegenkommt, ähnlich wie es Paulus auf dem Weg nach Damaskus erging.

Der Kosmische Christus ist nämlich nicht nur eine große, unpersönliche Liebe und Vernunft, die in uns eintritt. Wenn es so wäre, dann würde ja jene Liebe und Vernunft unser eigenes Ich erfüllen und wir selbst wären die gleiche Liebe und die gleiche Vernunft. Nun kommt aber jene große Liebe und Vernunft als eine persönliche Kraft zu uns. Sie tritt als Heiland in uns ein. Dieser Heiland ist in meiner Erfahrung Christus, Gottessohn, der in Jesus personifiziert ist. Der Gottessohn, obwohl er, metaphysisch gesehen, unser innerstes Selbst ist, kommt durch Jesus Christus in unser Wachbewußtsein als lebendiger Heiland, der uns erhebt. Es ist ein innerliches, mystisches Ereignis, und die Anwesenheit Jesu ist ein Symbol - im ursprünglichen Sinne des Wortes - dafür, daß der Wahrheitssucher wirklich den Weg zurück in seines Vaters Heim gefunden hat. Denn hinter der Persönlichkeit des Heilands steht der Vater, der unpersönlich ist, der Vater, den wir nicht definieren können - das absolute, unendliche, geheimnisvolle Leben der Weltenräume und der Ewigkeit, die Finsternis, in welcher der Logos, der Kosmische Christus, der Gottessohn als Licht leuchtet und hier auf unserem Planeten, hier in unserer Menschheit in der Gestalt Jesu Christi erscheint.

Weshalb behaupte ich nun, daß Jesus Christus die personifizierende Kraft des Logos sei? Warum nicht Buddha? Aus dem einfachen Grund, daß Jesus Christus auf unserem Planeten auf das gesamte geistige Leben erneuernd ausgewirkt hat. Dieses Thema habe ich z.B. in meinem Buch Paavali ja hänen kristinuskonsa (Paulus und sein Christenglauben) ausführlicher behandelt; ich werde gleich noch darauf zurückkommen. Die Meister der Weißen Bruderschaft akzeptieren für das physische Leben nur die Moral, die Jesus vertrat, und vor ihm teilweise auch Buddha. Es ist nicht meine Absicht, mit diesen Ausführungen den heutigen sogenannten Christenglauben und die christlichen Kirchen blindlings zu untermauern. Die Christenheit hält Jesus sehr wohl für den einzigen wahren Heiland, ist sich aber der wahren Bedeutung ihrer eigenen Lehre nicht bewußt. Die christlichen Kirchen haben weder aufrichtig nach dem Reich Gottes gesucht, noch sind sie in die Fußstapfen Christi getreten, weil sie, ganz im Gegenteil, alle im Laufe der Jahrhunderte die Lehre Christi und seine Gebote mißachtet, sich an die alten jüdischen Lehren und Gebote angeklammert und aus Jesus eine Art äußeren Erlöser gemacht haben. Die Kirchen haben das Hauptgewicht nicht auf die Worte des Paulus: Christus in uns - Christus in nobis - gelegt, sondern vielmehr, ja fast ausschließlich, sowohl in ihren Gottesdienstzeremonien als auch in ihren Lehren, nur ihre eigenen Worte: Christus pro nobis - Christus für uns - hervorgehoben.

Das Mysterium Jesu Christi wird uns verständlicher, wenn wir den Begriff Erlösung auch nur einigermaßen besser verstehen. Den Theosophen wird seitens der Theologen und gläubigen Menschen vorgeworfen, daß sie Christus nicht verstehen, oder ihn nicht annehmen, daß sie ihn weder anbeten, noch für so heilig halten, wie er es verdienen würde. In Wahrheit irren sich die Verurteiler, selbst wenn wir, theosophische Wahrheitssucher, über das Christentum strenge Worte aussprechen mögen. Wir möchten nur aufzeigen, wie verkehrt es ist, aus dem großen Drama und der großen Wende auf diesem Planeten eine Art Theater zu machen, ein Schauspiel, in welchem sündige Menschen, ein zorniger und rachsüchtiger Gott, ein böser Geist und ein sentimentaler Heiland je ihre Rolle spielen. Die Christen beginnen auch zunehmend einzusehen, daß eine solche Weltanschauung, um wahr zu sein, zu oberflächlich und zu äußerlich ist. Die Lehrsätze, deren esoterische Bedeutung niemand leugnen möchte, müssen eine andere, eine höhere Bedeutung haben.

Um nun die Rolle Jesu verständlicher zu machen, möchte ich das große Drama der Menschheit aus der esoterischen Sicht kurz erläutern.

Ich werde von der Menschheit als Ganzes und zugleich von jedem Menschen als einem Individuum sprechen, denn ein Individuum ist ein verkleinertes Abbild der ganzen Menschheit, und die individuelle Geschichte jedes Einzelnen ist ein verkleinertes Abbild der Geschichte der gesamten Menschheit. Das wird von den Wissenschaftlern anerkannt. Nach Erkenntnissen der Biologen ist die individuelle Entwicklung eines Einzelnen eine Zusammenfassung der Entwicklung der Rasse, weshalb eine vollkommene Übereinstimmung zwischen der Geschichte eines Individuums und der Geschichte der Menschheit, zwischen der Zusammensetzung eines Individuums und der Zusammensetzung der Menschheit besteht.

Jedes Individuum besitzt sein spezifisches Merkmal: sein eigenes Ich. Niemand kann einen anderen Menschen mit dem Wort "Ich" ansprechen, jeder benutzt das Wort nur, wenn er von sich selbst spricht. Das ist ein großes Geheimnis. In der Psychologie wird das Ich gewöhnlich mit dem sog. Seelenleben gleichgestellt, indem man sagt, daß das Ich gleichbedeutend mit seinem Inhalt, dem Seelenleben sei, daß also das Ich mit Gedanken, Gefühlen und den inneren Willensäußerungen identisch sei. Oft wird noch hinzugefügt, daß es ohne Seelenleben kein Ich gäbe, denn wenn Gedanken und Gefühle, Begierden, Leidenschaften und der Wille herausgetrennt werden, was bleibt noch übrig von einem Menschen? Nichts, sagen die Psychologen, wenn sie die menschliche Seele analysieren. Doch sind sie im Unrecht, denn wir müssen zugeben, daß wir uns das Ich auch ohne Gedanken, Gefühle, ohne Begierden, Leidenschaften und allen persönlichen Inhalt der Seele vorstellen können. Wir können das Wort "Ich" im Weltraum erschallen lassen, wobei das Ich ein Wort ist, aber ein Wort, das kein anderer als der Mensch von sich selbst sagen kann. Er kann seine eigene Existenz erkennen, ohne daß diese Existenz überhaupt einen Inhalt besitzt. Descartes wird wohl dies mit seinem Spruch cogito, ergo sum gemeint haben. Theoretisch können wir es verstehen, auch wenn wir uns selber als reines Ich, ohne seinen Inhalt, praktisch nicht wahrnehmen können. Doch mit der Aussage, daß das Geheimnis des reinen, inhaltlosen Ich's darin liegt, daß es eine Bewußtseinseinheit sei, hätten wir nur die halbe Wahrheit gesagt. Das Geheimnis des menschlichen Ich's ist tiefer: Seine grundlegende Eigenschaft ist von ethischer Natur. Das menschliche Ich ist eine ethische, moralische Bewußtseinseinheit. Der Beweis dafür ist das geoffenbarte Ich.

In Wahrheit erkennen wir nämlich das Ich nur insofern, als es sich in der Welt geoffenbart hat. Jeder Mensch hat seine eigene Welt, in der sich sein Ich offenbart. Was ist diese Welt? Sie ist gerade seine Seele, in der sich das Ich als ein ethisches Bewußtsein offenbart, d.h. als ein Bewußtsein, das sich ständig mit ethischen Gegensätzen, mit Gut und Böse, befaßt. Das Ich ist, seiner Natur gemäß, ein ethischer Beurteiler. Es besitzt die Fähigkeit, die Phänomene des Daseins in die Guten und die Bösen einzuteilen; es kann sogar in sich selbst die Unterscheidung zwischen Gut und Böse machen. Das Ich sagt von sich selbst: Ich bin gut und ich bin schlecht. Nach einer alten symbolischen Darstellung wohnt die Menschheit im Paradies von Eden, in welchem der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse steht. Und nicht nur die Menschheit, sondern jedes einzelne Wesen. Im Paradies des Lebens ist das menschliche Ich mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse verbunden.

Was ist nun dieser Baum der Erkenntnis von Gut und Böse? Bei näherer Betrachtung könnten wir sagen (Mir fehlt jetzt die Zeit, auf dieses Thema ausführlich einzugehen. Ich werde sinnbildlich und anschaulich sprechen und überlasse es jedem von Euch zu beurteilen, wie viel Wahrheit meine Worte beinhalten): Am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse lernt das menschliche Ich, im Laufe seiner Inkarnationen zuzugeben: Böse - das ist meine Seele, gut - das ist mein Körper.

In diesem Widerspruch verbirgt sich die Wahrheit. Wenn der Mensch sein eigenes Ich und dessen Rätsel betrachtet, wird er bemerken: Das sittliche Böse in ihm ist sein Seelenleben, das er von der Tierwelt als Erbe mitgebracht hat - das Tier in ihm. Seine Gefühle, seine Begierden und Leidenschaften, die meisten seiner Gedanken, seine selbstsüchtige Natur, das alles hat er von der Tierwelt geerbt. Das ist seine innere, sogenannte astrale Natur. Das ist in ihm. Wenn er dagegen seinen Körper objektiv betrachtet, indem er dessen Anatomie auf dem Operationstisch erforscht und dessen Physiologie durch präzise Sinneswahrnehmungen betrachtet, wird er sehen, wie gut der Körper organisiert ist, wie vollkommen seine Funktionen sind. Er wird im Laufe seiner Inkarnationen zu der Einsicht kommen, daß sich sein menschliches Denkvermögen, die Denkweise, die er als gut, richtig und vernünftig bezeichnet, sich in dem Maße weiter entwickeln wird, wie viel er der Stimme seines Körpers Gehör schenkt und sich weigert, den tierischen Versuchungen seiner Seele zu gehorchen. Die Denkweise dagegen, die seiner tierischen Seele zugute kommt, hat sich in Trägheit und Faulheit entwickelt; die wird er als böse bezeichnen. Das gute Denken hat er durch seinen Körper gelernt, durch reine Sinneswahrnehmungen seines Körpers, das böse, indem er auf die tierischen Leidenschaften seiner Seele gehört hat. Im Inneren des Menschen ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, und der Baum der Erkenntnis des Bösen kommt ihm häufig noch vertrauter vor, weil in der Menschheit die von der Tierwelt geerbten Instinkte den Grundstein für die Selbstsucht gelegt haben. Doch die natürliche Auslese und die Evolution haben im Menschen auch schon viel Gutes entstehen lassen.

Die Entwicklung der Menschheit und des Individuums würde jedoch sehr langsam vorangehen, vielleicht sogar ganz zum Stillstand kommen, wenn nicht im Eden des Daseins noch ein dritter Baum stehen würde: der Baum des Lebens, aus dem der menschliche Geist herauswächst. Und was ist dieser Baum des Lebens? Er ist das Gute, das von oben herab gekommen ist, das seelisch nicht mit dem Menschen identisch ist, nicht sein eigenes Werk ist, das weder durch seine wahrheitsgetreuen Sinneswahrnehmungen, noch durch seine inneren Überlegungen in ihm gewachsen ist, sondern gleichsam von oben herab in ihn eingetreten ist. Aber dieser Baum des Lebens, an dem er in seinem Geist teilhaben kann, zu dem er seine Hand reichen und an den er sich in seiner Not wenden kann, ist dennoch so weit entfernt, so hoch oben, so weit getrennt von ihm, daß er ihn nicht sieht und nicht findet. Er hat nur eine Ahnung von dessen Existenz. In seinen allerhöchsten Stunden empfindet er, daß er von etwas Gutem berührt wird, aber das Gute scheint so weit außerhalb seines alltäglichen Bewußtseins zu sein, daß er sich im Laufe der Jahrtausende an den Glauben gewöhnt hat, daß der Baum des Lebens irgendwo in einem äußeren Himmel steht. Er hat ihn auch nicht den "Baum des Lebens" genannt. Er hat ihn Gott oder Götter genannt, er ist zu dem Glauben gekommen, daß alles Gute, alle Macht, alle Erkenntnis außerhalb von ihm selbst, bei irgendeinem Gott oder irgendwelchen göttlichen Wesen existiert. In jedem Religionssystem hat der Mensch seine Hand zu den Göttern ausgestreckt und sie um Hilfe gerufen, aber selten hat er den Mut gehabt, auch nur zu denken, daß Gott oder göttliche Wesen in ihm selbst wären. Nur ernsthafte Wahrheitssucher haben im Laufe der Zeit verstanden, daß nicht nur der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, sondern auch der Baum des Lebens dem Menschen selbst innewohnt - so, daß der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse eigentlich zum Baum des Lebens umgewandelt werden sollte. Und gerade deshalb, weil es die Aufgabe der Menschheit ist, den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zum Baum des Lebens umzuwandeln, der mitten im Paradies steht, gerade deshalb wollen solche Wesen, die diese Aufgabe bereits vollbracht haben, der Menschheit helfen. Auch auf unserem Planeten leben seit langer Zeit Menschen, in deren Inneren der Baum des Lebens lebendig ist.

Was ist dieser Baum des Lebens? Was ist das Gute, von dem etwas in uns, aber mehr noch über uns existiert?

Er ist der Gottessohn, den wir Kosmischer Christus oder Logos nennen. Er ist die im Bewußtsein des unendlichen Lebens verborgene Idee von einem vollkommenen persönlichen Leben und Wesen. Christus ist Gottessohn. Der Gottessohn ist der im Bewußtsein des Vaters der Unendlichkeiten lebende vollkommene Mensch. Dieser universale, die ganze Welt umfassende Logos "ist bei Gott und ist Gott", erfüllt das gesamte Universum, steht hinter allem geoffenbarten Leben und strebt danach, sich darin zu offenbaren. Das ganze geoffenbarte Leben hat nur ein einziges Ziel, nämlich daß der vollkommene Sohn des Gottes der Unendlichkeit - der vollkommene Mensch, wie wir auf diesem Planeten sagen - zur Offenbarung gelangen könnte. Anders ausgedrückt: Die Bestimmung des Daseins besteht darin, daß Gott persönlich werde. Das kosmische Bewußtsein strebt ständig herunter zur Materie, zu Erscheinungsformen, und wenn wir an das Leben hier auf unserem Planeten denken, sagen wir: Das kosmische Christusbewußtsein strebt seit jeher danach, sich in unserer Menschheit zum Ausdruck zu bringen, und das ist ihm teilweise durch viele Propheten gelungen. Christus hat sich in vielen Religionen, in vielen geistigen Bestrebungen gezeigt; als reines Licht der Vernunft erschien er vor etwa 600 Jahren vor unserer Zeitrechnung in Buddha. In Buddha war die Stimme Christi zu hören, und Buddha sprach Gottes Wort. Aber der Kosmische Christus offenbarte sich vollkommener und in einer nie vorhergesehenen Weise in der Person Jesu, in Jesus von Nazareth, der deshalb Jesus Christus genannt wurde.

Jesus Christus war der Mensch, der den Kosmischen Christus inkarnieren ließ, der den Logos, d.h. den Sohn Gottes des Universums, persönlich erscheinen ließ. Jesus Christus war der erste, der Gott, den Vater, vollkommen auf die Erde brachte. "Wer mich sieht, der sieht den Vater." Jesus Christus befreite, d.h. erlöste unseren Planeten von den Fesseln seines niederen Ich's, des Satans, und trat selber als ein beseelendes Selbst auf unseren Planeten ein. Gleichzeitig trat er mitten unter die Menschheit ein, nicht so, daß er das Ich eines einzigen Menschen überwältigt hätte, sondern so, daß er den Kosmischen Christus jedem Menschen so nahe brachte, daß dieser Christus in der Person Jesu an der Herzenstür eines jeden Menschen klopft und jeden von uns fragt: Möchtest du mir folgen? Möchtest du wie ich werden? Möchtest du mit mir vereint werden?

Wer weiß, wie unendliche Zeitalter es gedauert hätte, bis wir das Gute in uns so verfestigt hätten, daß wir es gewagt hätten, ganz daran zu glauben und den Baum des Lebens, Christus, an Stelle des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu wählen - wer weiß es? Vielleicht wären unsere Egos vollkommen vernichtet worden, bevor wir es erreicht hätten. Jetzt dagegen hat sich der Kosmische Christus personifiziert und ist zum lebendigen Heiland geworden, der unser Ich von den Fesseln des Bösen erlösen oder befreien kann. Unser Ich kann sich mit dem des Christus vereinigen und sich dadurch retten. Wenn unser Ich sich nicht mehr an seiner eigenen Seele, seinem tierischen Aspekt, seinem selbstsüchtigen Ego mit all seinen Begierden und Leidenschaften festhält, dann kann es frei werden und sich mit Christus vereinigen, so daß Jesus Christus in unserem Ich lebt. Jesus Christus verdrängt in keiner Weise unser eigenes Ich. Er "erlöst" es nur "von der Macht des Satans". Dies ist ein alchemistischer Prozeß, den jeder Mensch erleben kann.

Jeder Mensch kann diese mystische Erlösung erleben, wenn er Jesus Christus nachfolgt. Man kann sie nicht dadurch erleben, daß man an die Lehrsätze einer Kirche oder einer Sekte zu glauben beginnt. Höchstens kann man, in einem durch den "Glauben" erzeugten hysterischen Seelenzustand, eine Art Glückseligkeit erleben, aber hier handelt es sich um nichts dergleichen. Eine hysterische Erweckung ist nur ein Zerrbild einer wahren Wiedergeburt. Hier geht es darum, daß der Mensch sich in seinem alltäglichen Leben in aller Ruhe nach den Geboten Jesu richtet, sein niederes Ego vergißt und verdrängt, seine Seele aufgibt und seinen Geist gewinnt. Dann wird Jesus Christus, wie es im Evangelium heißt, in ihm seinen Wohnsitz nehmen. Sein persönliches Ego steht ihm dann nicht mehr im Wege. Er selbst bildet sich nichts ein. In seinem niederen Ichbewußtsein bezeichnet er sich weder als hellsehend, noch als Wissenden, Helfer, oder sonst etwas. Er weiß, daß er so etwas nicht ist, aber er weiß auch, daß in ihm derjenige wohnt, der dazu fähig ist, in ihm wohnt der Heiland, in ihm wohnt Christus. Und Christus spricht in seinem Inneren mit den Worten Jesu: "Halte meine Gebote. Wenn du mich liebst, wenn du willst, daß ich zu dir komme, dann halte meine Gebote." Es gibt keine andere Möglichkeit. Man kann nicht zu einem Meister kommen, wenn man nicht den Weg geht, den der Meister gewiesen hat. Und laßt uns daran denken, daß Christus vor der Zeit Jesu durch die Propheten gesprochen hat. Wer aufrichtig, sich ernsthaft bemühend und vorwärts strebend, dem einen oder anderen Meister folgt, sei es Buddha, Zarathustra, Laotse, Krischna oder wer auch immer, der auf dem Weg geht, der wird mit Sicherheit mit dem Kosmischen Christus in Berührung kommen. Und wenn er die mystische Wiedergeburt erlebt, kommt er zu Jesus Christus, selbst wenn ihm der Name nicht bekannt wäre. Ich neige jedoch zu dem Glauben, daß er über kurz oder lang erkennen wird, zu wem er gekommen ist und was mit ihm geschehen ist.

Wenn ich an die Lebensanschauung denke, zu der ich im Laufe der Jahre gereift bin - wir nennen sie die Rosenkreuz-Theosophie - so könnte ich kurz wiederholen: Durch die Theosophie kam ich zum Kosmischen Christus, der Kosmische Christus führte mich zu Jesus, durch die Befolgung Jesu kam ich zu Jesus Christus. Und das alles geschah im Zeichen der Theosophie.

Als wir hier in Finnland, als treue Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, unsere eigene Sektion gründen wollten, in der wir in freier Autorität dafür arbeiten wollten, was wir als die Wahrheit verstanden hatten, und was wir später die Rosenkreuz-Theosophie nannten, so hielt es die Theosophische Gesellschaft von Finnland für besser, daß wir keine selbständige Sektion in der Theosophischen Gesellschaft bilden sollten. Auch die internationale Theosophische Gesellschaft war der Ansicht, daß wir auf dem Weg zu einer Art Sektierertum waren und uns irgendwie auf das Christentum beschränkten, ohne, wie bisher, international zu sein. In diesem Punkt sind wir als Rosenkreuzer anderer Meinung, obwohl es natürlich unmöglich ist, die Menschen von ihren Vorurteilen zu befreien. So wie ich die Dinge sehe, verstehe ich überhaupt nicht, wie der Standpunkt des Rosenkreuzes sektiererisch wäre. Der Standpunkt des Rosenkreuzes ist die Wahrheit, und der Wahlspruch der theosophischen Bewegung lautet: "Keine Religion ist höher als die Wahrheit."

Ich habe immer nach der Wahrheit gesucht und bin immer bereit gewesen, mich für die Wahrheit hinzugeben. Ich war immer überzeugt, daß der Mensch die Wahrheit finden wird, wenn er sich für nichts anderes als für die Wahrheit interessiert. Die Wahrheit führte mich solche Pfade entlang, und ich bin voller Herzenswärme allen Suchenden gegenüber, welchen Religionssystemen sie auch angehören mögen. Ich habe erkannt, daß der Mensch, wenn er in seinem religiösen Bestreben aufrichtig ist, ganz sicher zur Quelle der Wahrheit kommt, kann aber nichts dafür, daß die Quelle der Wahrheit in mir den Namen Jesus Christus trägt.

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V IJOBS SCHICKSAL

Alle kennen das Buch Ijob, diese viele Jahrtausende alte, hochfliegende Dichtung, die zu den heiligen Büchern der Juden gezählt wird. Alle kennen die Geschichte von diesem frommen Mann, der mit allzu schwerem Leid geprüft wurde, so daß er, ein frommer und seinem Herrn ergebener Mann, schließlich nicht mehr aushalten konnte, sondern vor Schmerzen schrie, und Gott, der ihn jetzt so hart bestrafte, beinahe Vorwürfe machte. Wir empfinden Mitleid mit Ijob, denn es kommt ganz klar zum Ausdruck, daß er ein untadeliger und rechtschaffener Mann war. Beim Lesen, wie die drei Freunde Ijobs, die zu ihm kommen, um ihn zu trösten, Ijob tadeln, wenn er klagt, und ihm Gottlosigkeit vorwerfen, wenn er ausschreit, daß er des Leidens müde ist, haben wir das Gefühl, daß diese Freunde herzlos, ja sogar heuchlerisch sind. Wir empfinden keine Sympathie für sie. Wir empfinden nach wie vor Mitleid mit Ijob. Es gibt aber noch einen vierten Freund. Dieser tröstet und tadelt Ijob auf eine andere Weise, so daß Ijob nachdenklich bleibt, da er nichts antwortet. Danach erscheint dem Ijob der Herr und tadelt ihn. Endlich beruhigt sich Ijob, bezeugt Reue und Demut und dankt wieder Gott. Der Leser findet das Ende der Erzählung vielleicht etwas banal: Es geht Ijob wieder außerordentlich gut. Er kommt von seinen Leiden und Sorgen los, lebt weiter und wird sehr, sehr alt.

Das Buch Ijob ist, wie gesagt, eine Dichtung, denn alle Reden, die den Hauptinhalt des Buches bilden, sind wunderschön. Die Klagelieder Ijobs sind unsagbar poetisch und andere Reden voll von schönen Sinnbildern; das Buch ist also ein Kunstwerk, daß dem Leser ein großes Kunsterlebnis bietet.

Was ist aber der Grund, warum das Buch zu den heiligen Schriften gezählt werden kann, weshalb ist es in das Alte Testament übernommen worden, und weshalb wird es von den Juden wie von den Christen gleich hoch geschätzt, und nicht nur wegen seiner schönen Sprache und seiner Gestaltung, sondern auch aus einem anderen Grunde? Ich denke, daß der Grund, warum das Buch Ijob als eine besonders heilige, d.h. als eine mystische, esoterische Schrift betrachtet werden kann, darin liegt, daß das Buch mit einem Prolog, einer Vorrede beginnt, die uns mit dem Problem des Bösen in einer neuen Form konfrontiert. Das Buch beginnt mit einer Szene, der wir noch an einer anderen Stelle begegnen, die sich, wie ähnliche Szenen in Goethes Faust, bei den Göttern in der unsichtbaren Welt abspielt. Es wird erzählt, daß die Götter sich zu einer Ratssitzung zusammentrafen, und daß sich unter diesen Göttern auch derjenige befand, der Satan genannt wird. Als die Götter sich mit ihrem Vorgesetzten, dem Herrn, über die irdischen Begebenheiten unterhielten, sagte der Herr: Ihr habt wohl alle darauf geachtet, wie fromm und vertrauenswürdig Ijob ist? Alle sagten, daß sie es bemerkt hätten und auch der Satan gab zu, daß Ijob ein frommer und wunderbarer Mann war. Er fügte aber sogleich hinzu: Gerade deshalb möchte ich ihn gern ihn auf die Probe stellen. Dürfte ich ihm nicht etwas antun, was seine Standfestigkeit und seinen Glauben ins Schwanken bringen könnte? Oh, sagte der Herr, er wird nicht schwanken in seinem Glauben, aber ich erlaube es dir, das zu versuchen. Und der Satan begibt sich auf die Erde, um Ijob auf die Probe zu stellen.

Diese Erzählung öffnet uns wirklich neue Perspektiven, wenn wir an das Problem des Bösen denken. Wenn wir sie wortwörtlich verstehen, kommen wir zu der Schlußfolgerung, daß Menschen auf der Erde mit Leiden geprüft werden können, die sie nicht verdient haben, mit Schmerzen, die nicht einmal scheinbar als Strafe für ihre bösen Taten angesehen werden können. Eine solche Auffassung über das Böse und das Leid wirkt auf uns sehr abstoßend. Im Neuen Testament wird ausdrücklich gesagt, daß Gott niemanden quält. Tatsache ist, daß Ijob nicht vom Herrn selbst gequält wird, aber der Herr läßt es zu, daß Satan ihn quält; und wenn jemand mit Gottes Erlaubnis quälen darf, dann haben wir das Gefühl, daß auch Gott moralisch als Mittäter dabei ist und dafür Verantwortung trägt. So interpretiert ist der Standpunkt des Buches Ijob nach unserer Meinung unmoralisch, weil wir normalerweise denken, daß der Zweck die Mittel nicht heiligt. Wenn Gott uns Menschen quält, oder wenn er es zuläßt, daß wir unverdienterweise gequält werden, dann ist Gott ein Jesuit. Deshalb ist es sicherlich angebracht, diese Geschichte etwas näher zu betrachten und uns Gedanken darüber zu machen, was ihr innerer Inhalt eigentlich sein könnte.

Man hat erklärt, daß Ijob die Menschheit darstelle, und die Erzählung von Ijob eigentlich eine Beschreibung des Schicksals der Menschheit sei. Wer sind wohl dann die in der Vorrede genannten Söhne Gottes? Ohne Zweifel sind es die sogenannten Sieben Heiligen Planetengeister, die, zusammen mit der Sonne, die höchste Gewalt in unserem Sonnensystem vertreten. Sie walten, lenken und führen dessen Leben und Geschicke. Diese hohen Planetengeister wohnen in der Sonne und können sich selbstverständlich dort beraten. Weil sie nun mal lebende Wesen, hohe Götter sind, können sie sich natürlich miteinander besprechen. Einer unter ihnen heißt Satan; er ist der Planetengeist, der vormals in der unsichtbaren Welt der höchste Herrscher unserer Erde war. Weshalb hat man diesen Herrscher Satan genannt? Deshalb, weil sein Planet die Schule des Leidens ist. Auf diesem Planeten gibt es mehr Schmerzen und mehr Böses als anderswo. Der Satan übernahm eine schwere Aufgabe, als er mit der Erziehung der Lebewesen auf diesem Planeten begann, indem er ihnen in der Schule des Leidens Unterricht gab. Für ein göttliches Wesen ist es keine schöne Aufgabe, sein Angesicht hinter einem Trauerschleier verbergen zu müssen und seinen Schülern Schmerzen und Leiden zuzufügen. Der Satan mag stolz sein, aber seine Schützlinge danken ihm nicht dafür. Er erntet nur Fluch, die Ehre bleibt ihm versagt. Wenn aber Ijob die Menschheit darstellt, so steht er sicherlich für die geläuterte Menschheit der fernen Zukunft. Wir müssen ja eingestehen, daß wir es noch nicht so weit wie Ijob gebracht haben, denn wo gibt es eine solche Menschheit, deren Mitglieder alle vor Gottes Angesicht fromm, demütig und rein sind? Wir sind noch sehr unvollkommene Menschenwesen, bei weitem nicht vergleichbar mit Ijob, von dem nur Gutes berichtet wurde.

Wir müssen aber nicht den Schlüssel benutzen, nach welchem der Inhalt des Buches vom Standpunkt der gesamten Menschheit und stellvertretend für die ganze Menschheit erklärt wird, sondern wir können das Buch mit vollem Recht mit dem Schlüssel öffnen, der auf den einzelnen Menschen und seine Entwicklung, sein Leben und sein Schicksal hinweist. In diesem Fall stellt Ijob einen Menschen besonderer Art dar - nicht alle ohne Unterschied. Ijob ist eine so exakt charakterisierte Persönlichkeit, daß wir ihn als einen lebenden Menschen ganz bestimmter Art erkennen. Und zu unserem Erstaunen stellen wir fest, daß dieses Buch, obwohl es vielleicht zu den ältesten jüdischen Schriften gehört, eine Darstellung eines Menschen einer Art ist, von denen es gerade in der heutigen Zeit viele gibt. Ausgerechnet Menschen wie Ijob gehören zu den besten Menschen der heutigen Zeit. Inwiefern ist Ijob so zeitgemäß? Erstens ist er in jeder Hinsicht ein rechtschaffener Mann. Er ist ein Mensch, der seine Pflichten voll und ganz erfüllt hat. Er ist ein Mensch, der in der Welt nach Art der Welt gelebt hat, ein moderner Geschäftsmann, der in all seinem Schaffen erfolgreich gewesen ist. Er ist anscheinend ein Geschäftsmann, denn seine Reichtümer sind enorm. Es wird erzählt, wie groß sein Bestand an Vieh ist und welcher Art Einkünfte er hat. Seine Reichtümer sind überall bekannt. Er lebt in glücklicher Ehe. Seine Frau wird nicht genauer beschrieben, aber in der weiteren Erzählung erscheint sie unserer Meinung nach Ijob gegenüber etwas kalt und gefühllos. Die familiären Verhältnisse waren trotzdem glücklich, weil Ijob gute Kinder hatte, Töchter und Söhne, die im Hause ihres Vaters wohnten, Feste feierten und Gäste einluden. Als frommer und gottesfürchtiger Mann hatte Ijob die Gewohnheit, sich in sein Gemach zurückzuziehen, um für seine Kinder zu beten, für den Fall, daß sie beim Jubeln Gott vergessen sollten.

Von Ijob wird weiter berichtet, daß er in der Welt in jeder Hinsicht erfolgreich war und auch zu Ehren gelangte. Bei seinen Nachbarn war er hoch geachtet, und überall, wohin er auch kam, wurde er wie ein König empfangen. Er erzählt, welche Verwirrung er bei seinen Reisen hervorrief: "Ging ich durchs Tor zur Stadt hinauf, ließ ich auf dem Platz meinen Sitz aufstellen; sahen mich die Jungen, so traten sie scheu beiseite, die Alten standen auf und blieben stehen." So kluge Worte flossen aus seinem Munde. Und, was am wichtigsten war, sein guter Ruf war berechtigt, denn er hatte niemandem unrecht getan, niemals jemanden betrogen; beim Anhäufen seiner Reichtümer hatte er nicht gelogen, nicht gefälscht oder geraubt. Er hatte niemals schmutzige Hände gehabt.

Ein geradezu moderner Mensch also, denn, obwohl oft gesagt wird, daß alle reichen Leute Schurken und alle "Bürgersleute" herzlose Räuber seien, so wissen wir, daß das nicht wahr ist. Gerade unter den Reichen und Erfolgreichen finden wir die anständigsten Leute. Wir können nicht sagen, daß Lüge und Betrug allein in der Welt zum Erfolg führen. Auch Ehrlichkeit wird beloht. Zu unserer Freude sehen wir, daß auch ein anständiger Mann in der Welt erfolgreich ist. Wir Menschen von heute finden es richtig, und deshalb erweckt Ijobs Schicksal unsere Sympathie. Wegen seiner Tüchtigkeit verdient er unsere Hochachtung, und wir gönnen ihm seinen Erfolg.

Doch dann stellt sich eine neue Frage. Warum wurde Ijob von schwerem Leid, sogar zweimal, geprüft? Die erste Prüfung bestand er, die zweite jedoch nicht. So etwas ist doch im Leben nicht möglich. Irreführend ist vielleicht die Erzählung selbst, d.h. die Art und Weise, wie im Prolog von einer Szene im Himmel berichtet wird? Zugegeben, aber wir werden auch jetzt, bei unserer Interpretation Ijobs als ein Individuum, einen anderen Schlüssel benutzen müssen.

Nun geht es auch nicht um Planetengeister und hohe Götter - worum geht es also? Es geht um menschliche Wesen - die Meister der Geheimen Bruderschaft. Stellen wir uns vor, daß die Meister sich in der Welt umschauten und dabei einen Menschen wie Ijob entdeckten, einen tadellosen Menschen, einen wahren Israeliten, wie Jesus im Evangelium sagt - stellen wir uns vor, daß sie eine solche Menschenseele irgendwo leuchten sähen. Wir wissen ja, daß wir in unserer astralen Aura in der Geistwelt wie eine Art Farbwesen erscheinen und daß unsere Egos in den höheren Welten wie funkelnde Sterne oder flackernde Flammen aussehen. Diese Flamme ist bei einem normalen Menschen getrübt und klein, je weiter der Mensch aber entwickelt ist, desto heller leuchtet seine Flamme. Sie kann in Glanz und Leuchtkraft sogar enorm groß werden. Wenn nun die Meister, die weisen älteren Brüder, aus ihren Observatorien auf die Welt herunterschauen, achten sie auf die Flammen der Menschen, um zu sehen, ob es dort unten Seelen gibt, die heller leuchten als die anderen. Wenn sie einen Ijob entdecken, eine Menschenseele, die in einer hell leuchtenden Flammensäule über ihre Umgebung hinausragt, wie ist dann die Aufgabe dieser älteren Brüder und Adepten? Was ist nun ihre Pflicht? Sie überwachen die Entwicklung der Menschheit, und viele von ihnen leben, um einzelnen Menschen zu helfen, wenn diese bereit sind, den Weg der geistigen Entwicklung zu betreten. Ihre Aufgabe besteht darin, den Menschen, der spirituelle Neigungen aufweist, zu beobachten und sich ihm zu offenbaren. In theosophischer Literatur können wir lesen, daß der Meister zu seinem Jünger kommt, wenn dieser reif ist - oder besser gesagt: Wenn der Mensch bereit ist, ein Jünger zu werden, dann erscheint ihm der Meister und nimmt ihn als seinen Jünger an.

Wenn die Meister einen Ijob, ein menschliches Ego, spirituell leuchten sehen, beschließen sie auf ihrer Sitzung: Dieser Ijob ist ja in seiner Entwicklung so weit fortgeschritten, daß einer von uns zu ihm hinuntersteigen muß. Und derjenige von den Meistern, der bereits seit fernster Vergangenheit eine, wenn auch sehr kleine, geheime Verbindung mit diesem Ijob-Menschen hat, sagt: Ich werde dann wohl zu ihm hinuntersteigen. Es wird wohl meine Aufgabe sein, ihm zu erscheinen. Doch die älteren Brüder beraten auf ihrer Sitzung: Eines dürfen wir nicht vergessen: Bevor wir das Recht haben, einen Menschen als unseren Schüler anzunehmen, also von ihm beinahe unermeßliche Anstrengungen zu verlangen, müssen wir ihn auf die Probe stellen, um festzustellen, ob er tatsächlich reif ist. Die Weisen sind nicht ohne weiteres berechtigt, einem Menschen zu erscheinen, um ihm zu sagen: Komm und werde unser Jünger! Zuerst muß der Meister ihn im Auge behalten und ihn insgeheim prüfen, um zu sehen, ob er den geheimen Weg betreten möchte. Das Prüfen ist dann ein Gnadenbeweis, ein Beweis der Freundschaft und Liebe. Der Meister hält die Menschenseele bereits für geeignet und reif, jetzt muß sie noch geprüft werden. Was bedeutet wohl dieses Prüfen?

Es bedeutet nichts anderes, als daß die Seele des Menschen auf die Probe gestellt wird, um den geistigen Willen und die grundlegenden Beweggründe zum Vorschein zu bringen. Die Seele wird gleichsam durchstochen, um zu sehen, ob sie heil und rein ist, ob sie ein Kristall ist, auf den das Licht des Geistes einstrahlen kann, oder ob es darin Stellen gibt, die noch verbessert werden müssen. Auch ein Ijob-Mensch kann ja in seiner Seele, ohne daß er sich dessen bewußt ist, einen wunden Punkt haben. Dieser Punkt ist wie ein kleiner, beinahe unsichtbarer Furunkel. Durch einen Einstich wird er aufgebrochen, um den Heilungsprozeß einzuleiten. Einem Ijob-Menschen wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet; man wünscht, daß er sich bessert und ein Jünger wird, damit der Meister ihm erscheinen kann. Wir können verstehen, daß dies hinter dem Vorhang geschieht. Das Buch Ijob lässt uns ein wenig hinter diesen Vorhang schauen. Es geht nicht um eine unverdiente Strafe, sondern um einen verkleideten Segen, der eine Ijob-Seele auch vom letzten Rest an Selbstherrlichkeit und Hochmut befreit.

Von diesem Standpunkt aus verstehen wir das Schicksal des Ijob. Die älteren Brüder geben einem dafür Ausgewählten die Befugnis zu "stechen"; danach beginnen die Prüfungen.

Die erste ist eine Prüfung, wie sie auch bei einem anderen Ijob-Menschen vorkommen kann. Ijob war ja in jeder Beziehung ein rechtschaffener Mann, nicht zu hochmütig, im Gegenteil, er war voller Demut vor dem Leben, obwohl er in der Welt Erfolg gehabt hatte. Plötzlich schlägt das Schicksal zu und er verliert all sein Glück. Der Tod rafft seine Kinder dahin, sein Hab und Gut brennt nieder, sein Vieh fällt den Räubern zum Opfer. Jetzt hat er nichts mehr. Er hat seine Reichtümer, seine geliebten Kinder, sein Zuhause verloren. Was sagt er nun? Laßt uns hoffen, daß manche wie Ijob sagen würden: Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn.

Ijob bestand die Prüfung. Das war nicht sein schwacher Punkt. Er stand fest.

Die göttlichen Wesen sammelten sich aber auf eine weitere Versammlung. Der Satan sagte: Laß mich ihn noch einmal prüfen. Der Herr gab seine Zustimmung. Der Satan bat um die Erlaubnis, an sein Gebein und Fleisch zu rühren. Der Herr willigte ein: Gut, er ist in deiner Hand, nur, schone sein Leben!

Wir können vor unseren Augen einen Ijob sehen, einen rechtschaffenen Menschen von heute, der, nachdem er alles verloren und das überstanden hat, noch einer erneuten Prüfung unterzogen wird. Wieder einmal wird er durchstochen: Ist deine Seele durch und durch tapfer und geduldig? Ijob, der sich sein ganzes Leben lang einer guten Gesundheit erfreut hat, wird mit bösartigem Geschwür von der Fußsohle bis zum Scheitel geschlagen. Sein Fleisch und seine Haut trocknen derart aus, daß seine Knochen hindurchschimmern. Sein Körper ist voll von Geschwüren. Sie jucken ständig, so daß er Tag und Nacht keine Ruhe hat. Ijob kann nicht schlafen. Er setzt sich mitten in die Asche und nimmt eine Scherbe, um sich damit zu schaben. Er befindet sich in einer ausgesprochenen Hölle.

Das hält Ijob nicht mehr aus. Diese Prüfung ist schon zu hart, denn er erinnert sich: Ich habe niemals etwas Böses getan, ich habe niemals unrecht getan. Weshalb quält mich Gott so hart, wofür straft er mich? Warum schlägt mich ein solches Schicksal? Habe ich nicht immer anderen geholfen und andere getröstet, war ich nicht überall gut? Warum kommt eine solche Schande, ein solches Elend und Leid über mich? Besser wäre, wenn ich, elender Mensch, niemals geboren wäre! In langen Reden beschreibt Ijob sein Elend, er klagt und schreit. Aber unsere Sympathie ist an seiner Seite.

Dann kommen die alten Freunde. Sie haben von Ijobs großem Unglück, seinem unersetzlichen Schaden und seiner bösen Krankheit gehört und kommen, um ihn zu trösten. Sie sind Männer, und Ijob ist ein Mann; deshalb erwarten wir nicht, daß sie hingehen und die Haare des kranken Ijob streicheln, aber wenigstens ein tröstliches Wort erwarten wir doch von ihnen. Sie fangen dagegen an, Ijob zu tadeln: Wieso klagst du so viel? Verstehst du denn nicht, daß Gott nicht zu Unrecht straft? Gott packt den Menschen nur deshalb so hart an, weil der Mensch in irgendeiner Hinsicht gottlos gewesen ist.

Sie halten lange Reden, deren Inhalt wir interpretieren und prüfen könnten, aber wir möchten nicht auf die Einzelheiten eingehen, sondern unser Augenmerk nur darauf richten, daß alle drei Freunde Ijob einstimmig wegen Gottlosigkeit tadeln: Du glaubst nicht an Gott, denn Gott rächt ja nicht, wenn der Mensch nicht verfehlt hat. Gott sorgt dafür, daß jedem das Recht geschieht. Der Mensch erntet, was er gesät hat.

Wir Theosophen würden heute sagen, daß die Freunde Ijob das Gesetz des Karma einschärfen wollten: Dein hartes Schicksal, lieber Ijob, kann nichts anderes als Karma sein.

Die Freunde Ijobs weisen aber nicht, wie wir Theosophen, auf die Wiedergeburt hin. Hätte man die Reinkarnationslehre berücksichtigt, hätte sich vielleicht auch Ijob mit seinem Los abgefunden. Nun betrachteten sie die Dinge nur im Lichte eines einzigen Lebens und betonten, gerechterweise, daß wir, wenn wir an Gott glauben, nicht glauben können, daß etwas Unrechtes geschieht. Im Grunde genommen ist dies das Gleiche wie der Glaube an das Karma. Im Lichte der Reinkarnationslehre wird aber das Karma verständlicher, weil die Wurzeln des Leidens bei Verfehlungen in den früheren Leben zu suchen sind. Die Freunde Ijobs sprechen nicht davon - anscheinend kennen sie die Reinkarnationslehre nicht - und Ijob weist jeden Trost von sich. Er kann keine Moralpredigten hören, denn er fühlt in seinem Herzen, daß er niemals gegen die Gesetze des Lebens verstoßen hat, und sagt seinen Freunden ohne Furcht die Wahrheit: Was kann ich dafür, daß ich niemals etwas Unrechtes getan, sondern immer richtig gehandelt habe? Im Gegenteil, Gott ist nicht so gut, so gerecht, so ehrlich, wie ich es mir vorgestellt habe! Die Freunde sind entsetzt und ihre Reden werden immer strenger.

Doch zum Schluß erscheint ein vierter Freund. Er wird über die drei Ersten wütend und tadelt sie: Ihr habt doch schon genug von Gottes Rache an einem Menschen, der sich verfehlt hat, gesprochen. Warum müßt ihr das immer ausposaunen, seht ihr denn nicht, daß Ijob vor Schmerzen verrückt ist? Dann spricht dieser Vierte zu Ijob: Du solltest dich tatsächlich erinnern, was du gelernt hast. Du weißt doch in deinem Herzen, daß Gott nicht von solcher Art ist. Was geht es Gott an, ob wir Menschen gut oder schlecht sind? Glaubst Du, daß es Gott so wichtig sei, daß er anfangen würde, in der Welt Umwälzungen durchzuführen, nur, weil wir, kleine und unbedeutende Menschen, etwas sündigen wollen? Gott ist nicht von solcher Art. Wenn uns tatsächlich Gott selbst ein Leid zusendet, dann ist dieses Leid ein verkleideter Segen. Gott bezweckt damit etwas Gutes. Weißt du das nicht mehr, kannst du nicht daran denken? Wen du jetzt derart bedrängt bist, denke doch daran, daß dir deine Schmerzen etwas Gutes bringen werden, etwas, was du nicht voraussehen kannst! Du solltest nun endlich demütig werden in deinem Herzen. Siehst du nicht selbst, daß du dich in deinem nutzlosen Hochmut gegen Gott stellst? Verstehst du denn nicht, daß Gott von dir Wachstum in Weisheit erwartet?

So spricht Elihu. Ijob gibt keine Antwort, selbst wenn Elihu sagt: Hör doch auf meine Rede, und, solltest du mich nicht verstehen, widersprich mir. Ijob schweigt und versinkt in seine Gedanken. Er muß eingestehen, daß er mitten in seinem Leid den von Elihu erwähnten Standpunkt vergessen hatte. Es war ihm nicht eingefallen, daß das Leid ihm als Stärkung und Prüfung zugesendet war: Ich konnte mich nicht demütigen, sondern hob meinen Kopf hoch und schrie ins Leben hinaus, wie gut ich bin! So denkt Ijob, nachdem er die Worte des vierten Freundes gehört hat.

Die Erzählung endet mit dem Erscheinen des Herrn vor Ijob. Das bedeutet, wie wir die Sache jetzt verstehen können, daß zu ihm der Meister kommt, der Besieger des Todes, der Herr des Lebens. Er erscheint Ijob, wunderbar und majestätisch, und auch er redet zuerst zu Ijob: Du hast unnütze Zweifel gehegt. Dein Jammern und Klagen hat nichts genützt. Bedeutet nicht schon dein Name, daß du ein Mann bist, der nicht klagt? Warum hast du dich selbst derart vergessen? Herrscht nicht überall im Leben Gerechtigkeit und Güte? Wieso konntest du nicht ahnen, als ich mit solchen Leiden zu dir kam, von denen du im tiefsten deiner Seele wußtest, daß sie äußerlich nicht verdient waren, wieso konntest du nicht ahnen, daß diese für dich eine Prüfung sein sollten, damit du die nackte Wahrheit über dich selbst sehen würdest? Warum hattest du kein Zutrauen zu deinem inneren Helfer, der in dir, wie auch in allen anderen, ist, und als dessen Vertreter ich hier vor dir stehe? Jetzt bin ich unverkleidet zu dir gekommen. Siehst du jetzt endlich, was das bedeutet? Ijob vermag nichts zu sagen, aber seine Seele wird von einer überirdischer Ruhe erfüllt, und unendlich demütig bereut er, daß er die zweite Prüfung nicht sofort bestanden hatte; und, nachdem er bereut hat, legt der Meister seine Hand segnend auf seinen Kopf. Die Krankheit verschwindet und Ijob wird wieder gesund. Er steht wieder auf seinen Beinen und geht hinaus in die Welt, die Verhältnisse um ihn herum kehren in ihren alten Zustand zurück, er erzielt wieder Erfolg. Er bekommt alles wieder, was er verloren hat. Er bekommt neue Kinder, er gewinnt seine Reichtümer zurück.

Doch jetzt erkennt Ijob immer, daß das alles nur Äußerlichkeiten sind: In meiner Seele bin ich ein veränderter Mensch. Jetzt weiß ich, daß ich nicht nichts anderes begehre, als treu in den Fußstapfen meines Herren zu gehen, immer wissend, daß der Meister seine Hand segnend auf mich gelegt hat und mich wieder zu seinem Jünger gemacht hat. Ich kann, inmitten meiner weltlichen Reichtümer und Güter, an nichts anderes denken, als daß auch ich begnadigt wurde, daß auch ich zu einem Jünger erwählt wurde, daß auch ich auf den Weg zum ewigen Leben geführt wurde.

So verstehe ich das Buch Ijob.


1) Gemeint ist hier die von Pekka Ervast gegründete, auf theosophischer Grundlage beruhende finnische Rosenkreuz-Gesellschaft. - Anm. der Übersetzerin.

2) Es sei nur nebenbei erwähnt, daß ich 1897 bis 1900 mehr in schwedischer als in finnischer Sprache arbeitete; erst ab 1901 begann ich, regelmäßig in finnischer Sprache zu arbeiten.

3) Ich weiß nicht richtig, ob ich Sie oder du übersetzen sollte. Wir unterhielten uns in englischer Sprache und das Wort You gilt für beides.



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Literaturhinweis

(Bücher von oder über Pekka Ervast in englischer, schwedischer oder deutscher Sprache)

Pekka Ervast:



Framtidens religion, Stockholm, Wilhelm Billes Bokförlags Aktiebolag, 1900



The Esoteric School of Jesus, Helsinki, Ruusu-Ristin kirjallisuusseura, 1977; Nevada City, Blue Dolphin Publishing, 1998



The Key to the Kalevala, Nevada City, Blue Dolphin Publishing, 1998



Paulus och hans kristendom, Helsinki, Ruusu-Ristin Kirjallisuusseura, 1964



Kleiner Rosenkreuz-Katechismus, Vilppula, Ihmisyyden tunnustajat, 1986



The Sermon on the Mount or the Key to Christianity, Übersetzung des Autors, Helsinki, Ruusu-Ristin Kirjallisuusseura, 1983



Die Bergpredigt, Helsinki, Kulmakoulusäätiö, 1983; Vertrieb: Helsinki, Aatma



Mein Weg zur Quelle der Wahrheit, Mänttä, Ihmisyyden Tunnustajat, 2003



"H. P. B." Four Episodes from the Life of the Sphinx of the XIXth Century, Übersetzung des Autors, London, Theosophical Publishing House, 1933 (vergriffen)



J. R. Hannula:

Die Bedeutung des Pekka Ervast, Helsinki, Aatma, 1994












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